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	<title>Jakub Józef Orliński &#8211; Hochbegabt mit Handicap</title>
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	<description>Leben mit Hochbegabung, PTBS &#38; Hochsensibilität</description>
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		<title>Orpheus‘ Magie in der Elbphilharmonie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Birgit]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Oct 2023 22:05:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Balthasar-Neumann]]></category>
		<category><![CDATA[Elbphilharmonie]]></category>
		<category><![CDATA[Elena Galitskaya]]></category>
		<category><![CDATA[Jakub Józef Orliński]]></category>
		<category><![CDATA[Klassik]]></category>
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		<category><![CDATA[Regula Mühlemann]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Hengelbrock]]></category>
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					<description><![CDATA[Teil 5 Das Konzert
Der Blick über die Stadt, die HafenCity und Teile des Hamburger Hafens ist spektakulär. Ich muss mich erst an die Höhe gewöhnen, direkt am raumhohen Fenster zu stehen, ruft meine Akrophobie auf den Plan, doch wenn ich nicht nach unten schaue und ein wenig Abstand halte, kann ich das Panorama entspannt geniessen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="700" height="349" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg" alt="Orpheus' Gesang wirkt magisch auf Tiere_Bild von Videoanimation" class="wp-image-527" style="aspect-ratio:2.005730659025788;width:596px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg 700w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus-300x150.jpg 300w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>
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<div style="height:38px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="kt-adv-heading547_c72c88-85 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_c72c88-85">Teil 5 Das Konzert</h2>



<p class="kt-adv-heading547_4618ab-7c wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_4618ab-7c"><em>Zwischen den Schwingungen der singenden Stimme und dem Pochen des vernehmenden Herzens liegt das Geheimnis des Gesangs.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Khalil Gibran</em></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-large is-resized"><img decoding="async" width="1024" height="782" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity-1024x782.jpg" alt="Zimmer Elbphilharmonie Aussicht auf HafenCity" class="wp-image-176" style="width:285px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity-1024x782.jpg 1024w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity-300x229.jpg 300w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity-768x586.jpg 768w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity.jpg 1200w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>
</div>


<p class="kt-adv-heading547_bfa343-73 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_bfa343-73">Der Blick über die Stadt, die HafenCity und Teile des Hamburger Hafens ist spektakulär. Ich muss mich erst an die Höhe gewöhnen, direkt am raumhohen Fenster zu stehen, ruft meine Akrophobie auf den Plan, doch wenn ich nicht nach unten schaue und ein wenig Abstand halte, kann ich das Panorama entspannt geniessen. Es tut gut, endlich allein zu sein. Ich mache rasch ein paar Fotos, die ich an die Lieben daheim schicke, mit einem kurzen Bericht über meine chaotische Liftfahrt. Minutenlang lasse ich meinen Blick übers Wasser und die Stadt schweifen, dann richte ich mich im Zimmer ein. Es kommen begeisterte Rückmeldungen, alle freuen sich, dass ich so ein wunderschönes Zimmer habe und nun hoffentlich die verbleibenden zwei Tage in Hamburg geniessen kann. Frisch geduscht setze ich mich in gemütlichen Sportklamotten aufs Bett und trinke viel Wasser und Tee. Dieser Tag hat mich sehr gefordert, ich bin fix und fertig. Mein Rücken muss in die Horizontale, also liege ich um 19:00 Uhr im Bett und höre noch ein paar Podcastsendungen und Musik, bis mir gegen 20:30 Uhr nach 38 Stunden ohne Schlaf, endgültig die Augen zufallen.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_6dfca7-ad wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_6dfca7-ad">Start in den grossen Tag</h2>



<p class="kt-adv-heading547_405c5c-30 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_405c5c-30">Eigentlich hatte ich vor, morgens etwas länger liegen zu bleiben, damit ich top fit das Konzert erleben kann, aber um 7 Uhr halte ich es nicht mehr aus, eine angenehme Schlafposition zu finden war schwierig. Ich dehne mich eine Viertelstunde lang und stehe dann auf. Mein Bauch beschwert sich lautstark, denn seit 48 Stunden hat er nichts zu Essen gekriegt. Ich mache mir eine Tasse Tee und mein Müsli, setze mich aufs Bett und geniesse dieses lang ersehnte Frühstück, während die Sonne über dem Hafen aufgeht. Jetzt geht’s mir besser, bin nach dem Essen aber wieder ein bisschen schläfrig, der gestrige Tag sitzt mir immer weiterhin in den Knochen. Ich gönne mir nochmals eine Pause, lese und höre Radio, mache mich dann in aller Ruhe fertig, um ein paar Stunden in der Stadt zu verbringen. Das wird eine Herausforderung, mein Puls beschleunigt merklich.<br>Um 14 Uhr komme ich zurück aufs Zimmer. Ich bin erschlagen, es war viel los in der Stadt bei dem schönen Wetter. Ich habe es nach langem Zögern doch noch geschafft, mir ein kleines Mittagessen zu organisieren, eine Piadina mit gegrilltem Gemüse. Diese Stunden ausserhalb des Hotels haben mich Kraft und Nerven gekostet. Bevor ich hoch zum Zimmer bin, habe ich mir noch die Plaza angesehen. Da aber sehr viel los war, bin ich nicht lange geblieben, sondern habe nur eine kleine Runde gedreht. Bis zum Konzert muss ich allein sein, ich brauche Ruhe, um dann hoffentlich in richtig guter Verfassung die konzertante Aufführung von Glucks Orfeo ed Euridice geniessen zu können. In einer Info-Mail der Elbphilharmonie wurde mir zwei Tage zuvor mitgeteilt, dass es mit Thomas Hengelbrock um 19 Uhr ein Einführungsgespräch mit Hintergrundinfos und Anekdoten zum Konzert geben wird. Ich kenne die Oper zwar recht gut, finde es aber oft unterhaltsam und spannend, ein paar Anekdoten vorab zu hören. Meistens kommen nicht so viele Personen zu den Einführungen, so kann ich vielleicht etwas gelassener zu meinem Platz als später im Gewühl, wenn alle Besucher*innen eintreffen, denn das Konzert ist natürlich mittlerweile ausverkauft. Der Plan ist also gegen 18:30 Uhr fertig zu sein, damit ich mich langsam auf den Weg zum grossen Ereignis machen kann.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_8575e6-40 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_8575e6-40">Easy entspannen? Schön wär’s …</h2>



<p class="kt-adv-heading547_dcb1ed-86 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_dcb1ed-86">Nach dem Mittagessen verschicke ich wieder ein paar Nachrichten an Freunde und Familie, die wissen wollen, wie es läuft, und schreibe noch einige dringende E-Mails. Den Rest des Nachmittags möchte ich ganz entspannt verbringen. Ich setze mich aufs Sofa am Fenster und schaue mir das Treiben im Hafen an. Ich lese etwas und höre Musik, bevor ich mit den Vorbereitungen anfange, wie z.B. den bei mir leider i.d.R. vergeblichen Verschönerungsversuchen. Irgendwie hoffe ich wohl trotzdem, dass es einmal etwas bringt. Na ja, durch die steife Hamburger Brise haben meine Locken starke Ähnlichkeit mit einem zerzausten Besen oder einem geplünderten Vogelnest, also dürfte das Haare waschen doch eine minimale optische Verbesserung mit sich bringen. Kurz nach 17 Uhr komme ich aus der Dusche und widme mich wieder meinem Buch mit ein paar schönen Klängen im Hintergrund. Als ich ca. eine Dreiviertelstunde später wieder ins Bad gehe, überfällt mich plötzlich eine Panikattacke, sie kommt aus heiterem Himmel. Ich verstehe nicht, was los ist, wieso passiert das jetzt? Die Attacke ist lang und heftig, ich muss mich im Bad auf den Boden setzen. Verdammt, was soll das? Du freust dich doch auf das Konzert, deshalb bist du hier. Erschöpft stehe ich auf, um mir die Zähne zu putzen, doch als ich, am Waschbecken stehend, kurz in den Spiegel sehe, kommt die Nächste. Alles dreht sich, mir ist übel, ich kriege keine Luft. Mit einem Mal scheint es mir vollkommen unmöglich das Zimmer zu verlassen und in den Konzertsaal zu gehen. Es dominiert nur noch ein Gedanke: So hässlich, wie ich bin, darf ich nicht unter die Leute. Im grossen Saal werden ca. 2100 Besucher*innen sein, natürlich sieht mich nur ein Bruchteil, aber links und rechts von mir, vor und hinter mir werden Leute sitzen, die sind sehr nah, die sehen mich zwangsläufig; dann sind da die Personen, die das Ticket kontrollieren etc. Weinend wird mein ganzer Körper durchgeschüttelt, ich zittere und kauere mich in die hinterste Ecke des Bads. Diese Panikattacke kommt mir endlos vor, ich schnappe immer wieder nach Luft, mein Herz schlägt so stark gegen meine Brust, dass es weh tut. Stark mitgenommen, rapple ich mich wieder auf und verpasse meinem glühenden Gesicht eine Ladung kaltes Wasser. Wie spät ist es?! Habe ich evtl. schon alles verpasst?</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_4aa350-b0 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_4aa350-b0">Ein Notfallplan muss her</h2>



<p class="kt-adv-heading547_9b74ae-ec wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_9b74ae-ec">Ich eile ins Zimmer zu meinem Smartphone, es ist 18:30 Uhr. Mist! Die Einführung kann ich vergessen, bis in 10 Minuten habe ich mich nicht im Griff. Also neues Ziel, bis in einer Stunde muss ich wieder funktionieren. Es kann ja wohl nicht sein, dass ich wegen dieser verfluchten Angsterkrankung all das umsonst auf mich genommen habe! Ich koche vor Wut, meine Selbstverachtung ist in diesem Moment unermesslich gross. Diese Abscheu mir und meinen Unzulänglichkeiten gegenüber ist nur leider nicht hilfreich, wenn es darum geht, meinen Zustand zu verbessern und eine Situation zu schaffen, in der ich in der Lage bin, das Konzert zu besuchen. Ich starre auf die Uhr meines Telefons, plötzlich rennt die Zeit, ich bin massiv unter Druck, was die nächste Panikattacke auslöst. Verzweifelt sitze ich auf dem Bett und warte weinend und zittern darauf, dass sich mein Puls und meine Atmung wieder normalisieren. Ok, denk nach, los streng dich an, was kannst du tun, um das noch hinzukriegen? Mir ist schwindlig, ich kann kaum stehen, inzwischen ist es 19:05 Uhr. Mein Gesicht gleicht einem Leuchtturm, das wird auch meine schwarze Kleidung nicht kaschieren und erfahrungsgemäss dauert es bei mir deutlich länger, als 25 Minuten, bis ich wieder eine halbwegs normale Gesichtsfarbe habe. Das ist so peinlich! Allen Besucher*innen wird empfohlen, 30 Minuten vor Veranstaltungsbeginn auf der Plaza zu sein. Wie schön wäre es jetzt, Harry Potters Tarnumhang zu haben.<br>Ich sitze einige Minuten kraftlos auf dem Bett, überlege angestrengt, wie ich es schaffen soll, zum Konzert zu gehen. Die Vorstellung, auf dem Weg zum Konzert oder dann im Konzertsaal eine Panikattacke zu kriegen bereitet mir grosse Sorgen. Doch allen Zuhause sagen zu müssen, dass meine gestörte Psyche mich daran gehindert hat, das Konzert zu besuchen, ist ebenfalls unvorstellbar. Deprimiert stehe ich auf, es ist 19:17 Uhr, mir bleiben nur noch wenige Minuten, denn zu spät kommen ist absolut keine Option. Ich gebe mir grosse Mühe, mich aufrecht hinzustellen, atme tief ein und wieder aus: So es reicht jetzt, du ziehst das durch, egal wie! Du siehst scheisse aus, na und, das ist nichts Neues, daran solltest du dich langsam gewöhnt haben. Dein Therapeut sagt immer, hier kennt dich kein Mensch und du siehst die alle nie wieder, also kann es dir vollkommen egal sein, ob die sich durch dein Erscheinungsbild gestört fühlen. Jeder stört auf irgendeine Weise, irgendwann, das darfst du auch. So richtig funktioniert diese innere Motivationsrede nicht, weil ich mir kein Wort glaube. Wem versuche ich hier etwas vorzumachen? Aber eines weiss ich, ich habe gestern Blut und Wasser geschwitzt, um diesen Abend miterleben zu können. Ich habe mein Konto geplündert, um das hier möglich zu machen, also bleibt mir gar nichts anderes übrig, als es durchzuziehen.<br>Los, rein in die Klamotten, schnapp dir die Handtasche und beweg deinen Arsch ins Konzert! Wut und Frustration kommen auf, ich schaue wieder auf die Uhr, jetzt muss ich richtig Gas geben, ich bin extrem unter Druck. Zum Konzertsaal ist es nicht weit, aber ich weiss nicht, wie lange ich brauche, bis ich an meinem Platz bin und ich brauche auch noch ein bisschen Zeit, um dort runterzufahren. Da ist er wieder, der altbekannte Schutzmechanismus, ich dissoziiere. Mein Körper führt alle Handlungen aus, während sich meine Seele ausserhalb meines Körpers eine Pause gönnt und diesen so nicht stört. Kurz bevor ich das Zimmer verlasse, brauche ich wieder alle Sinne vereint. Ein letzter Check, habe ich alles, was ich brauche? Ticket, Smartphone, Taschentücher, Schlüsselkarte. Es ist 19:26 Uhr, jetzt aber schnell. An der Tür greift meine stark zitternde Hand nach der Türfalle. Ich horche, ob jemand draussen auf dem Flur ist, höre niemanden und ziehe die Tür auf.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_c7ac76-7f wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_c7ac76-7f">Déjà-vu: Fellini lässt grüssen</h2>



<p class="kt-adv-heading547_5f7a22-a0 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_5f7a22-a0">Mit angehaltenem Atem gehe ich schnell zum Fahrstuhl. Das Treppenhaus habe ich immer noch nicht entdeckt, wäre jetzt aber auch keine gute Alternative. Mit rasendem Puls drücke ich auf die Lifttaste. Nach einem kurzen Moment öffnet sich der mittlere Fahrstuhl. Ein elegant gekleidetes Paar steht drin. Ich warte, dass die beiden aussteigen, da sie von unten kamen. Sie sehen mich erwartungsvoll an. Ich bin verwirrt. „Wir müssen runter, wir haben uns verdrückt“, sagt der Herr. Was?! Nicht schon WIEDER! Ich bin verflucht, Fellinis groteske Situationskomik in Dauerschleife, das Universum hasst mich. Gerade als ich das Gefühl hatte, dass meine Gesichtsfarbe nicht aus einem Kilometer Entfernung als abnormal zu erkennen ist, spüre ich, wie meine Wangen an Temperatur zulegen. Mein Blick wird wässrig, nein, nicht jetzt! Das ist alles schon peinlich genug, los, Haltung und Gelassenheit vorspielen. Die Zeit rennt, ich habe keinen Nerv für Verzögerungen und ich will auch nicht unhöflich sein, indem ich auf den nächsten Fahrstuhl warte. Bei meinem sensationellen Glück sitzen die zwei im Konzert noch neben mir, denn es besteht für mich klein Zweifel, in dem Outfit, ohne Jacken und Mäntel, haben sie dasselbe Ziel wie ich. Also bin ich gezwungen, einzusteigen. Ich versuche, tief einzuatmen, strecke meinen Rücken durch, schreite in den Lift und ergebe mich meinem Schicksal. Unten angekommen, eile ich zur Drehtür, doch diesmal ist sie nicht offen, wie tagsüber. An ihr klebt ein Schild, man solle nur leicht drücken, was ich tue, doch sie bewegt sich keinen Meter. Die zwei aus dem Fahrstuhl sind jetzt hinter mir angekommen. Ich höre den Herrn sagen: „Ich glaube, sie müssen fest drücken. Ich würde Ihnen ja gerne helfen, aber das ist hier etwas schwierig.“ Grossartig, nächste Peinlichkeit, ich habe einen Lauf, die höheren Mächte verhöhnen mich wieder. Lacht nur, ihr Grausamen! Ich bin fest entschlossen, mir diesen Abend nicht mehr vermiesen zu lassen. Ich stemme mich gegen die Drehtür und siehe da, sie bewegt sich. Geschafft, was kommt als Nächstes?</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-full is-resized"><img decoding="async" width="710" height="900" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Treppe-grosser-Saal.jpg" alt="Elbphilharmonie Treppe zum grossen Saal" class="wp-image-529" style="width:199px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Treppe-grosser-Saal.jpg 710w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Treppe-grosser-Saal-237x300.jpg 237w" sizes="(max-width: 710px) 100vw, 710px" /></figure>
</div>


<p class="kt-adv-heading547_477335-e6 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_477335-e6">Mit flotten Schritten gehe ich auf die Treppe zum grossen Saal zu. Es sind schon viele Leute unterwegs, ich versuche, mich ausschliesslich auf die Treppenstufen zu konzentrieren. Oben angekommen, steht Personal, das die Tickets kontrolliert. Ich frage nach der Richtung zu meinem Platz. „Hier links die Treppe rauf. Sie müssen zur 15. Etage“, sagt mir die junge Dame. „Dankeschön.“ Ich erklimme die erste Treppe, um mich herum gibt es immer mehr Leute, ich brauche etwas, auf das ich mich konzentrieren kann. Ein flüchtiger Blick nach vorne, oh da, perfekt! Kurz vor mir kämpft sich eine Gruppe junger Damen in viel zu hohen Schuhen die Treppe rauf. Sie tragen alle superkitschige Glitzerkleider in intensiven Farben, Rot, Royalblau, Pink. Ich muss unweigerlich an Diskokugeln denken, ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Sie tun mir ein bisschen leid, haben sich extra so chic gemacht – na ja, chic im klassischen Sinne ist vielleicht nicht der passende Ausdruck – sie haben sich aufgehübscht für diesen Anlass und wollten wohl auch auffallen, was ihnen, in dem Aufzug, definitiv gelingt. Doch die Schuhe haben sie nicht im Griff, oder die Treppe, je nachdem, die Kleider sind teilweise einfach zu eng und zu lang für die Stufen. Zwei der Mädels krallen sich mit ihren Kunstnägeln am Geländer fest, um so ihr Ziel zu erreichen. Ich überlege ganz kurz, ihnen zu sagen, das Sneaker zum Abendkleid, sehr stylisch aussehen können, aber das wäre ja vergeblich, sie haben in ihren kleinen Taschen offensichtlich keine dabei. Ich muss aber zugeben, dass man sich seinen Platz hier verdienen muss, es geht zahlreiche Treppen nach oben und ich bin froh, dass ich das nicht in Stilettos und Mermaid Dress tun muss.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_e74f48-ce wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_e74f48-ce">Ziel erreicht</h2>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="525" height="700" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-Buehne.jpg" alt="Elbphilharmonie grosser Saal Sicht auf Bühne" class="wp-image-528" style="width:203px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-Buehne.jpg 525w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-Buehne-225x300.jpg 225w" sizes="auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px" /></figure>
</div>


<p class="kt-adv-heading547_e1aef4-66 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_e1aef4-66">Endlich stehe ich vor meinem Eingang und komme zu meinem Platz, ohne mich zwischen anderen Besucherinnen durchquetschen zu müssen. Gut, ich bin hier, ich habe es geschafft. Ich lehne mich an meinen Platz und atme durch. Ich bin die Erste in meiner Reihe, sogar in diesem Block, so kann ich schnell ein paar Fotos machen für die Freundinnen, die auf den nächsten Bericht warten. Ich habe gute Sicht auf die Bühne, obwohl ich schon ziemlich weit oben bin, aber ja immer noch in der ersten Kategorie. Kurz nach mir kommt ein Hamburger Paar, das sich links von mir setzt. Sie scheinen auch das erste Mal hier zu sein, wir sprechen ein paar Sätze miteinander, aber langsam wächst meine Spannung und Vorfreude, ich möchte, dass es endlich losgeht, ich brauche dieses Highlight, das ich mir so hart erkämpft habe. Der Saal füllt sich immer mehr und ich jetzt wäre Musik nötig, um es auszuhalten, unter all diesen Leuten zu sitzen. Die Musikerinnen begeben sich auf ihre Plätze. Hochkonzentriert beobachte ich, was unten bei der Bühne passiert. Es geht los, Thomas Hengelbrock betritt den Saal, mit kerzengeradem Rücken, die Bühne fixierend, klatsche ich und kann den ersten Ton kaum erwarten. Wie wird das in diesem berühmten, viel gelobten Saal klingen?</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_07527a-14 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_07527a-14">Auf ins herrliche Reich der Musik</h2>



<p class="kt-adv-heading547_97967e-fb wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_97967e-fb">Das Balthasar-Neumann-Orchester spielt die mir so vertraute Sinfonia, welche Glucks Oper einleitet. Gespannt halte ich den Atem an, ich spüre, wie meine Arme und Beine vor Freude zittern, während die noch fröhlichen Klänge sich augenblicklich im ganzen Saal verteilen, von allen Seiten auf mich zu tanzen und mich in eine andere Welt entführen. Die Töne der Streichinstrumente heben mich hoch, mein Körper fühlt sich leicht an, wiegt sachte im Takt, während die Musik in ihn eindringt und sich von Kopf bis Fuss ausbreitet, jede Zelle stimuliert. Mir ist warm und kalt zugleich, an Armen und Beinen kitzelt mich die Gänsehaut. Die Sänger<em>innen des Chors haben sich über die ganze Bühne verteilt und das wild durcheinander, nicht wie sonst, nach Stimmlage sortiert. Da stehen Sopranistinnen neben Tenören, ich bin begeistert, das ist grossartig, so wird man erst recht jede einzelne Stimme der Chorsänger</em>innen heraushören. Ich rutsche ganz vor an die Stuhlkante, um meine Konzentration noch mehr zu erhöhen. Eine Tänzerin und Orfeo sind ebenfalls auf der Bühne, das bekannte musikalische Thema erklingt. Der Chor setzt ein: „Ah! se intorno a quest’urna funesta.“ Ein Schauer läuft mir über den Rücken, die Stimmen der Sänger*innen in diesem Saal, das ist überwältigend. Ich kann die Spannung kaum noch aushalten, denn ich weiss, nach dem ersten kurzen Satz des Chors, wird sofort die Stimme Jakub Józef Orlińskis erklingen, Orfeo wird den Namen seiner toten Frau Euridice klagend rufen.<br>Die Sage erzählt, die Musik von Orpheus, seine Lyra und seine Stimme, seien magisch gewesen, kein Lebewesen konnte sich dem entziehen, sogar Steine zerbrachen, wenn sie die Musik hörten.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_60b5cf-37 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_60b5cf-37">Die magische Stimme erklingt</h2>



<p class="kt-adv-heading547_5204b1-92 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_5204b1-92">Musik ist für mich immer in irgendeiner Weise magisch, und so verzaubert mich dieses erste „Euridice!“, das Orfeo, in tiefer Trauer, von sich gibt, sofort. Orlińskis Stimme in diesem Saal, mit diesem Chor und diesem Orchester ist grandios, wie sie sich gegenseitig tragen, ineinander verschmelzen, berauscht mich. Die Töne fliessen, wie ein Lavastrom, durch meinen Körper, wohltuend und schmerzend zugleich. Jakub Józef Orliński setzt zur ersten grossen Arie Orfeos an, „Chiamo il mio ben cosi“. Leise tröpfeln ein paar Tränen über meine Wangen. Die schöne Sopranstimme Elena Galitskayas trällert von einem der oberen Stockwerke. Sehr lebhaft macht sie, als Amor, Orpheus ein verlockendes Angebot, die Götter haben sich von seinen Klageliedern ebenso berühren lassen, wie ich. Der Chor ist überzeugt, mit seiner einzigartigen Tonkunst, seiner unvergleichlichen Stimme und seiner tiefen Liebe zu Euridice, kann er nur ein Gott sein. Orfeo, auf dem Weg zu seiner Geliebten, bezirzt mit seinem Gesang die Furien. Wir sind schon bei der nächsten herrlichen Arie angekommen: „Deh! Placatevi con me.“ Mein Herz schwimmt auf einem Wildwasserstrom, es wird furios über die Wellen befördert, hüpft von einer Stromschnelle zur nächsten, freut sich über die Wasserspritzer, die der polnische Countertenor ihm verpasst, wenn er, in hinreissenden Koloraturen, „il mio barbaro dolor“ singt. Der Chor packt mich mit „Ah! quale incognito“. Es bringt meinen Atem zum stehen, das Crescendo rollt wild über mich hinweg, die Stimmen kreisen mich ein, werfen mich in die Luft, lassen mich aus schwindelerregender Höhe schnell nach unten fallen, wie auf einer Achterbahn. Mein Puls rast, doch schon werden die sanften Töne des „Ballo d’eroi ed eroine“ angeschlagen. Streicher- und Bläserklänge tanzen so bezaubernd im Elysium, dass meine Lippen nicht anders können, als verzückt zu lächeln. Mein Torso wiegt sich im Takt von Orfeos wundervollen Beschreibungen dieses himmlischen Ortes. Die Musik lässt die Vögel zwitschern, die Bäche murmeln und die Winde säuseln und trägt mich durch den ganzen Konzertsaal. Thomas Hengelbrock lässt sein Orchester eine wunderschöne Szenerie beschreiben, hell, bunt, freundlich, alle tanzen und sind glücklich.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_35bb49-44 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_35bb49-44">Poltergeister in Abendgarderobe</h2>



<p class="kt-adv-heading547_402079-b4 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_402079-b4">Zwei Weibsbilder in Stöckelschuhen trampeln zum zweiten Mal quer über die oberste Ebene, wieder zu ihrem Platz, den sie kurz vorher gewechselt haben. Es macht einen Höllenlärm und ich bin masslos verärgert und entsetzt über dieses rücksichtslose Verhalten. Perlen vor die Säue, wenn sie auf den Laufsteg wollen, sollen sie woanders hingehen! Ich verstehe nicht, dass die Aufsichtspersonen die beiden nicht davon abhalten, zum wiederholten Mal quer über die Etage zu trampeln. Warum geht man zu einem Konzert, wenn man nicht zuhören möchte? Da spielt ein tolles Orchester und es singen grossartige Sänger*innen, teilen ihre aussergewöhnlichen Fähigkeiten und ihre Leidenschaft mit uns und diese Tussis haben nichts Besseres zu tun als das Parkett in einem fabelhaften Konzertsaal zu ruinieren. Am liebsten würde ich die beiden an ihren schlecht blondierten Haaren rausschleifen, bei so etwas werde ich zur Furie. Andere Leute würden sonst etwas dafür geben, dieses Konzert miterleben zu dürfen.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_30c369-24 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_30c369-24">Die liebliche Stimme Euridices besänftigt mich</h2>



<p class="kt-adv-heading547_e5d121-26 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_e5d121-26">Orfeo hat seine Geliebte entdeckt. Euridice hat ihren grossen Auftritt und ich schlucke meinen Ärger runter und konzentriere mich wieder voll und ganz auf die Musik. Regula Mühlemann kann uns nun mit ihrer hellen, glanzvollen Stimme beglücken. Glänzend ist auch ihre Erscheinung, das Kleid mit Goldakzenten glitzert im Licht der Scheinwerfer. Ich muss unweigerlich lächeln bei diesem Anblick, denn Regula Mühemanns Robe passt perfekt zu ihrer Stimme, die sich in diesem herrlichen Konzertsaal wie schimmernde Perlenketten um die Balustraden der einzelnen Ränge legt. Über mehrere Szenen wird Euridice an der Liebe Orfeos zweifeln, sie wird ihr Herzblatt mit schillernden Koloraturen anflehen, sich ihr zuzuwenden. Ich fiebere mit dem Schicksal der beiden Liebenden mit, die Musik wechselt immer wieder, mein Herz hüpft, stolpert, hastet, mein Körper ist übersät von Gänsehaut, die Gefühle fliessen in heftigen Kaskaden von oben nach unten, von rechts nach links, das ist so aufregend! Wir nähern uns in schnellem Tempo der einen Arie, auf die bestimmt alle hier warten, die Arie, die alle mit dieser Oper verbinden, die schon einmal von ihr gehört haben. Orfeo konnte dem Flehen Euridices nicht länger standhalten und drehte sich um. Seine grosse Liebe stirbt erneut. </p>



<div class="wp-block-kadence-image kb-image547_eca6da-09"><figure class="alignright size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="900" height="600" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Che-faro.jpg" alt="Noten Arie_Che farò senza Euridice_liegen auf Seiten eines Flügels" class="kb-img wp-image-526" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Che-faro.jpg 900w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Che-faro-300x200.jpg 300w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Che-faro-768x512.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></figure></div>



<p class="kt-adv-heading547_9f7048-2e wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_9f7048-2e">Und da ist es, Jakub Józef Orliński sagt die letzten beiden Worte, die vor diesem weltberühmten Klagelied stehen: „Son disperato!“ Ich setze mich aufrecht auf meinem Sitz hin, gebannt fixiere ich den jungen Countertenor und platze fast vor Nervosität, mein Herz ist vollkommen aus dem Rhythmus. Wie hält er selbst das nur aus, wie machen das all die Musiker<em>innen und Sänger</em>innen? Ich meine im ganzen Saal eine grosse Spannung zu spüren, da erklingt der erste Ton dieser bewegenden Arie. Mir wird schwindlig, so aufgeregt bin ich. Im 6. Takt wird Orlińskis atemberaubend schöne Stimme mit den magischen Worten „Che farò senza Euridice“ einsetzen. Als sein schmelzend warmer, betörender, voller Klang mit einem, über 1,5 Takte gehendes „Rispondi“ den Konzertsaal erfüllt, öffnen sich bei mir alle Schleusen. Tränen fliessen über mein Gesicht, Herzschlag und Atmung setzen aus, mein Herz schiesst einen stechenden Schmerz entlang meines linken Arms bis in die Spitze des Zeigefingers, meine Seele droht in einem glühenden Feuerstrom zu ertrinken. Was andere vielleicht als Beschreibung eines elenden Zustandes empfinden würden, ist in diesem Moment für mich das grösste Glück. Dieses Klangerlebnis fesselt jede einzelne meiner Zellen, nimmt erbarmungslos meine Seele und mein Herz gefangen, berauscht meine Sinne, bannt meine Emotionen. Diese konzertant aufgeführte Oper mit ihren eindrucksvollen Akteur*innen, in diesem grossartigen Konzertsaal, erregt mich bis in die letzte Haarspitze und erfüllt mich mit so tiefer Ehrfurcht und Dankbarkeit, dass ich meine oftmals kleine, dunkle, traurige Welt vollkommen vergesse. Musik, die ich live erleben darf, kann dies am besten.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_9d042c-b3 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_9d042c-b3">Ende gut, alles gut</h2>



<p class="kt-adv-heading547_fd164c-10 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_fd164c-10">Das grosse Finale mit Happy End klingt an. Alle sind fröhlich, der Chor preist Amor. Die eher kurze Oper ist zu Ende. Ich bin etwas ausser Atem, die Achterbahn der Gefühle und das intensive physische Erlebnis sind jedes Mal etwas ganz besonderes, fordern mich aber auch sehr. Fasziniert und immer noch gefesselt vom Klang und der Atmosphäre, die die Musiker<em>innen und Sänger</em>innen geschaffen haben, blicke ich ein bisschen wehmütig zur Bühne. Schade, dass es schon vorbei ist. Ergriffen und unendlich dankbar applaudiere ich leidenschaftlich. Meine Begeisterung möchte mich aufspringen lassen, doch ich scheine den norddeutschen Block erwischt zu haben. Alle um mich herum klatschen, aber weder Jubelrufe, noch Trampeln, oder Standing Ovations zeigen sich hier um mich herum. Ich bin hin und her gerissen, möchte meiner Freude und meinem Respekt für die dargebotene Leistung Ausdruck verleihen, indem ich stehend bravo rufe, doch meine panische Angst auffallen zu können, bremst mich aus. In mir brennt ein heisses Feuer, doch umgeben von kühlen Köpfen, zügle ich, stark bedauernd, mein Temperament und mein Bedürfnis, meinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Also klatsche ich so fest und laut ich kann, mit höher erhobenen Händen und lasse meine Füsse vorsichtig auf dem Parkett trippeln, um wenigstens so meiner Verzückung Raum geben zu können. Ein paar Tränen bahnen sich wieder ihren Weg über meine erhitzten Wangen.<br>Es war verrückt und schliesslich auch ein ziemlicher Kampf, um hierher zu kommen und diese musikalische Darbietung miterleben zu können, aber ich bin glücklich und dankbar, dass ich es gewagt, mich irgendwie bis hierhin durchgeschlagen habe. Was für ein Geschenk, ein grosses Privileg, so etwas, an so einem schönen Ort, sehen und hören zu dürfen.</p>



<p class="kt-adv-heading547_8b7883-ac wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_8b7883-ac">Ich danke allen Beteiligten aus tiefstem Herzen, für dieses unvergesslich schöne musikalisch magische Erlebnis!<br>Danke Jakub Józef Orliński, Regula Mühlemann, Elena Galitskaya, Thomas Hengelbrock und danke dem Balthasar-Neumann-Chor und Balthasar-Neumann-Orchester! Danke euch allen, die ihr mich ermutigt habt, es zu wagen, es wirklich durchzuziehen und dass ihr mitgefiebert und euch für mich gefreut habt. Merci viu, viu mau!</p>
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		<title>Orpheus‘ Magie in der Elbphilharmonie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Birgit]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Oct 2023 22:02:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Elbphilharmonie]]></category>
		<category><![CDATA[Jakub Józef Orliński]]></category>
		<category><![CDATA[Klassik]]></category>
		<category><![CDATA[Konzert]]></category>
		<category><![CDATA[Regula Mühlemann]]></category>
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					<description><![CDATA[Teil 4 Talfahrt zum Zimmer mit Aussicht
Am frühen Nachmittag kehre ich erschöpft zum Hotel zurück. Ich hoffe, dort irgendwo in Ruhe auf mein Zimmer warten zu können. In der Lobby ist deutlich mehr los als am Morgen, ein stilles Plätzchen zu finden dürfte schwierig werden. Ich schleiche mich an ein paar Plakataufstellern vorbei zu einem Sessel, schaue mich fragend um, weiss nicht recht, ob ich mich dort hinsetzen darf.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="349" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg" alt="Orpheus' Gesang wirkt magisch auf Tiere_Bild von Videoanimation" class="wp-image-527" style="aspect-ratio:2.005730659025788;width:598px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg 700w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus-300x150.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>
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<div style="height:38px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="kt-adv-heading544_8a1232-5d wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_8a1232-5d">Teil 4 Talfahrt zum Zimmer mit Aussicht</h2>



<p class="kt-adv-heading544_f5b90c-12 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_f5b90c-12"><em>Was für eine Komödie wäre diese Welt, wenn man nicht selber eine Rolle darin spielen müsste.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Denis Diderot</em></p>



<p class="kt-adv-heading544_01e485-bf wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_01e485-bf">Am frühen Nachmittag kehre ich erschöpft zum Hotel zurück. Ich hoffe, dort irgendwo in Ruhe auf mein Zimmer warten zu können. In der Lobby ist deutlich mehr los als am Morgen, ein stilles Plätzchen zu finden dürfte schwierig werden. Ich schleiche mich an ein paar Plakataufstellern vorbei zu einem Sessel, schaue mich fragend um, weiss nicht recht, ob ich mich dort hinsetzen darf. Ich habe offiziell schon eingecheckt, also bin ich bereits Gast des Hotels, oder? Bezahlt habe ich alles, sachte setze ich mich auf die Kante des Sessels, doch keine Minute später stehe ich wieder auf. Diese Sitzgelegenheit ist entsetzlich unbequem, viel zu weich! Mein Rücken schmerzt von der extremen Anspannung, mein Workout musste ich heute, wegen der frühen Abfahrt, auch ausfallen lassen, da geht so ein Sessel gar nicht. Etwas weiter hinten am Fenster, dicht an der Rezeption stehen Ohrensessel, die scheinen meinen Bedürfnissen eher entgegenzukommen, zumal man sich in ihnen besser verstecken kann. Wie komme ich da unauffällig hin? In einem absurden Slalom gehe ich um die einzelnen Sitzgelegenheiten herum, um direkten Kontakt zu Plätzen zu vermeiden, auf dem bereits Leute sitzen, damit mich keiner sieht. Natürlich glühen meine Wangen jetzt wieder, warum kann ich nicht unsichtbar sein?! Am Ohrensessel direkt am Fenster angekommen, lege ich erleichtert meinen Rucksack ab. Oh ja, dieses Polstermöbel ist viel besser, müde lehne ich mich zurück und schaue auf mein Smartphone, 14:05 Uhr. Jetzt dauert es hoffentlich nicht mehr lange, bis mein Zimmer fertig ist. Ich rutsche noch ein paarmal auf dem Sessel hin und her, bis ich eine Sitzposition finde, von der ich glaube, dass sie die geringste Sichtbarkeit bietet. Ich muss meinen Ohren eine Pause von den In-Ear Kopfhörern gönnen und irgendwie ohne Musik auskommen, also versuche ich mich auf mein Buch zu konzentrieren, doch die Müdigkeit macht es mir nicht leicht. Immer wieder prüfe ich die Zeit, die einfach nicht vergehen will.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_44b906-89 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_44b906-89">Die Chance auf einen früheren Check-in?</h2>



<p class="kt-adv-heading544_757f33-cb wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_757f33-cb">Plötzlich höre ich hinter mir eine Frauenstimme eine Frage stellen, die mir ebenfalls auf der Seele brennt: „Hallo, ich wollte fragen, ob mein Zimmer vielleicht schon fertig ist?“ Eine Leidensgenossin, ich bin gespannt auf die Antwort und beuge mich sachte Richtung Rezeption, schiele an der Sessellehne vorbei und sehe zwei Damen an der Rezeption stehen. Hm, von hinten sieht die eine Regula Mühlemann ähnlich. Die andere Dame dreht ihren Kopf in Richtung der ersten, es ist Elena Galitskaya. Die Rezeptionistin sagt: „Ich schau gleich mal nach. Wie ist Ihr Name?“ „Mühlemann“. Nervös ziehe ich mich wieder in meinen Sessel zurück, fühle mich irgendwie ertappt. Doch dann huscht ein Lächeln über mein Gesicht, ich muss an die Oper denken, deshalb bin ich ja hier und es ist schön, zu wissen, dass Euridice und Amor auch eingetroffen sind. „Ja, Frau Mühlemann, ihr Zimmer ist fertig.“ Da auch ich sehnsüchtig auf diesen Satz warte, kann ich das nicht überhören. Euridice freut sich und drückt Amor die Daumen für dessen Zimmer. Es ist 14:22 Uhr, gut eine halbe Stunde früher aufs Zimmer zu können, ist nicht ungewöhnlich, soll ich auch fragen? Bei dem Gedanken spüre ich ein starkes Ziehen in der Magengegend. Mir wurde gesagt, sie rufen mich an, aber das sagen sie bestimmt allen Gästen. Ich bin hin und her gerissen, habe grosse Angst an die Rezeption zu gehen und zu fragen, andererseits ist die Erschöpfung kaum noch auszuhalten, ich möchte so gerne auf mein Zimmer. Zwölf Minuten lang überlege ich, bis ich schliesslich meinen ganzen Mut zusammennehme und auf wackligen Beinen zum Tresen tripple. Mein Herz rast, das Atmen fällt schwer. Die Rezeptionistin, die Regula Mühlemann bedient hat, ist besetzt, ihre Kollegin neben ihr schaut mich recht grimmig an. Ich versuche, den dicken Kloss in meinem Hals runter zu schlucken und frage leise, ob evtl. mein Zimmer schon fertig sei? Ich verschränke meine Arme vor meinen Bauch, um das Zittern zu verbergen, meine Hände sind zu Fäusten verkrampft. Die Dame sieht nach, aber ich habe nicht so viel Glück wie die Sopranistin. Gereizt sagt sie mir: „Sie sind etwas früh, Check-in ist offiziell um 16 Uhr.“ „Oh, das tut mir leid, auf meiner Reservationsbestätigung steht 15 Uhr“, entgegne ich verunsichert. „Entschuldigen Sie“, schicke ich schnell hinterher und will mich schon wieder zum Ohrensessel zurückziehen, als sie sagt: „Ich kann Ihnen einen Getränkegutschein für die Bar geben, dann können Sie dort warten“ und schiebt mir eine Karte über den Tresen. Entsetzt starre ich den Gutschein an. Sie meint es ja gut, aber das ist für mich tatsächlich noch schlimmer als in der Lobby zu warten, alleine in die Bar gehen, eine grauenvolle Vorstellung. Doch den Gutschein abzulehnen, wäre sehr unhöflich. Die Rezeptionistin sieht mich erwartungsvoll an, so nach dem Motto: Immer noch nicht zufrieden?! „Das ist sehr nett von Ihnen, vielen Dank.“ Ich hoffe, dass sie nicht bemerkt, wie meine Hand zittert, als ich den Gutschein nehme.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_83d284-37 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_83d284-37">Tea time im Aquarium</h2>



<p class="kt-adv-heading544_ff93f0-11 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_ff93f0-11">„Die Bar ist gleich hier um die Ecke“. Hoffentlich ist dort um die Ecke auch ein Platz, wo ich mich so lange verstecken kann, bis sie mich anrufen und ich nicht in die Bar muss. In meinem Kopf rauscht es wieder wie verrückt, die Ohren klingeln, mir ist schwindlig, mein Kopf fühlt sich an, als hätte ich 40° Fieber, ich spüre, wie Tränen aufsteigen, die ich vehement runterschlucke. Verzweifelt schleppe ich mich um die Ecke, während ich hilflos den Gutschein anstarre, als ich beinahe in Regula Mühlemann stolpere, die just im selben Moment wie ich, dynamisch von der anderen Seite um die Ecke kommt. Ach herrje, das hätte gerade noch gefehlt, dass ich der Prima Donna des morgigen Abends auf die Füsse trete. Erschrocken drücke ich mich schnell an die Wand und schiebe mich mit einem entschuldigenden Lächeln und einem kaum hörbaren Berndeutschen „ägsgüse“ an der Sängerin vorbei. Regula Mühlemann erwidert mein Lächeln und geht, glücklicherweise unbeschadet, Richtung Lobby. Vollkommen erledigt, bleibe ich stehen, dieser Tag ist so anstrengend. Nein, hier gibt es kein Versteck, ich stehe in einem eher schmalen Gang, geradeaus der Eingang zur Bar, wo ein unfreundlich wirkender Herr mich und meinen Gutschein abschätzig betrachtet. Ich sitze in der Falle, wenn ich umdrehe, gerate ich zwangsläufig wieder ins Blickfeld der angesäuerten Rezeptionsdame, gehe ich in die Bar, bin ich den demütigenden Blicken dieses Kellners ausgesetzt. „Help! I need somebody!… Help me if you can, I’m feeling down. … Help me get my feet back on the ground.“ … Wenn ich keine Musik auf den Ohren haben kann, aber wegen einer unbekannten Umgebung auch gezwungen bin, nicht zu stark zu dissoziieren, dann springt meine innere Jukebox an. Mit dem Beatles Hit in meinem Kopf gehe ich langsam ein paar Schritte weiter in Richtung Bar. Je näher ich dem wartenden Herrn komme, umso unfreundlicher wirkt er auf mich, er ist definitiv nicht begeistert mich oder den Gutschein zu sehen. Mozarts Tamino löst die Beatles ab „Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sonst bin ich verloren, der listigen Schlange zum Opfer erkoren.“ Die ersten schnellen, bedrohlichen Takte dieser Arie schnüren sich um meinen Brustkorb. Mit gesenktem Blick kämpfe ich mich weiter vor, Tamino fleht: „Ach rettet mich! Ach schützet mich!“ „Sie wollen den Gutschein einlösen?“ Ich könnte schwören, er hätte leise ein verächtliches Schnauben von sich gegeben. „Man sagte mir an der Rezeption, ich solle hier auf mein Zimmer warten“, gebe ich ihm zurückhaltend zur Antwort, muss aber zugeben, dass seine arrogante Art mir etwas missfällt. Die Idee mit dem Gutschein ist ja nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich gebe mir grosse Mühe, mich aufrecht hinzustellen und mir meine Angst und Scham nicht anmerken zu lassen, was aber sicher nicht zu übersehen ist, wenn mein Gesicht so aussieht, wie es sich anfühlt. „Folgen Sie mir.“ Der Kellner führt mich zu einem Zweiertisch direkt zwischen Theke und Fenster zur Plazaterrasse. Immer wenn ich denke, es kann nicht noch schlimmer werden. … Hier hat man ungefähr so viel Ruhe und Privatsphäre, wie zur Rushhour am Hauptbahnhof. Ich würde am liebsten weinend und schreiend davonrennen, setze mich aber mit der, in diesem Moment, grösstmöglichen Eleganz und Gelassenheit an den Tisch. Ich spüre die Blicke eines zweiten Herrn in meinem Rücken. Er steht an der Theke und räumt Gläser ins Regal. Kellner Nr. 1 glotzt mich fragend an. „Ich hätte gerne einen Pfefferminztee“, sage ich betont freundlich. Er rauscht ab. Ich komme mir vor, wie ein Tier im Zoo. Die Leute, die draussen herumlaufen, schauen natürlich auch immer wieder in die Bar. Man sitzt hier regelrecht auf dem Präsentierteller, für mich ein Horrorszenario. Ich muss mich ablenken und hole mein Smartphone raus. Einige Freundinnen und meine Mutter haben Nachrichten geschickt: Bist du schon auf dem Zimmer? Wie läuft es? Schon Fotos gemacht? Während ich meinen Tee trinke, bringe ich alle auf den neusten Stand.<br>Plötzlich ein Anruf, eine deutsche Nummer, zitternd nehme ich an, telefonieren mit Fremden löst bei mir immer Panik aus. „Hallo, ich wollte Bescheid sagen, dass Ihr Zimmer fertig ist.“ „Grossartig, ich komme; vielen Dank für Ihren Anruf!“</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_0d9d20-3a wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_0d9d20-3a">Ein lebhafter Sprechbariton kitzelt meine Synapsen</h2>



<p class="kt-adv-heading544_af0247-45 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_af0247-45">Endlich, ich schaue auf die Uhr, 15:24 Uhr. Ich trinke den Tee aus und mache mich auf den Weg. Wieder eine Nachricht meiner Mutter, die kommt mir ganz gelegen, so kann ich mich kurz und knapp von dem mürrischen Kellner verabschieden. Eine Nachricht tippend, gehe ich Richtung Rezeption. Meinen Blick auf das Display gerichtet, sehe ich im Augenwinkel, dass Personen vor mir bei der Rezeption warten. Ich bleibe in gebührendem Abstand stehen und schreibe weiter, die frohe Nachricht interessiert alle. Ich höre zwei Männerstimmen vor mir, sie sprechen eine slawische Sprache. Ich finde Sprachen total spannend, kann aber leider keine slawische Sprache. Es spricht vor allem einer und dies sehr lebhaft. Mein Gehirn lechzt nach einer Aufgabe, die Spass macht und mich dadurch entspannt, den ganzen Tag nur Krisenbewältigung, das gefällt ihm nicht, also versucht die eine Hälfte zu erraten, welche Sprache es ist, während sich die andere auf die Textnachrichten konzentriert. Nach und nach kommt ein Gefühl der Vertrautheit auf, warum? Nur so ein flüchtiger Gedanke? Ich verstehe ja kein Wort, ist es diese Sprechstimme, die ich höre? Welche Sprache könnte das sein? Im Augenwinkel sehe ich die Schuhe und unteren Hosenbeine der Herren vor mir und da blitzt etwas Gelbes auf, während ich die letzten Worte tippe. Die Farbe weckt ebenfalls meine Neugier, ich schaue nochmals hin und sehe einen gelben Kabinentrolley. Ich muss schmunzeln, das ist wohl jemand, der viel reist und keine Lust hat ständig seinen Koffer unter all den anderen Schwarzen, Blauen und Grauen zu suchen; in der Farbe hat man das passende Gepäckstück schnell gefunden. Hm, Russisch ist es nicht, das klingt anders? Tschechisch? Nein, das habe ich auch anders im Ohr, aber ich höre nicht oft slawische Sprachen. Polnisch oder Ukrainisch vielleicht? „Senden“, die letzte Nachricht ist raus, da kriege ich plötzlich einen riesigen Schreck. Mir dämmert es, woher dieses vertraute Gefühl kommt. Ich glaube, das ist eine Stimme, die ich schon in Interviews gehört habe. Mein Puls beschleunigt rasant, ich halte den Atem an und schiele ganz vorsichtig nach vorne. Der schweigende Herr steht mit dem Rücken zu mir, doch der Zweite ist ihm seitlich zugewandt. Ich weiche einen Schritt zurück; trotz Sonnenbrille und Mütze bin ich mir zu 99% sicher, da steht, knapp 2m vor mir, Jakub Józef Orliński. Ich rücke noch ein bisschen weiter zurück. Das würde mir zu meinem Glück noch fehlen, dass ich, wo ich bei Regula Mühlemann glimpflich davon gekommen bin, nun den Primo Uomo anremple. Am besten bewege ich mich jetzt nicht mehr, ich erstarre zur Salzsäule und versuche unter höchster Anspannung, meine wackligen Beine und die aufkommende Übelkeit unter Kontrolle zu kriegen. Super, jetzt ist es noch schwieriger, an die Rezeption zu gehen und die Schlüsselkarte entgegenzunehmen. Die beiden Herren sind an der Reihe, gehen zum Tresen und der Gesprächige nennt seinen Namen: „Orliński“. In Zeitlupe schliesse ich zur Wartelinie auf, als müsste ich auf Eiern gehen. Die Rezeption hat sich gerade in ein Minenfeld verwandelt, angestrengt überlege ich, wie ich an den zwei Männern vorbei komme, ohne sie oder ihr Gepäck auch nur ansatzweise zu touchieren, falls ich dran bin, bevor sie fertig sind. Die freundliche Rezeptionistin auf der linken Seite wird frei und lächelt mir entgegen. Na schön, jetzt gaaaanz vorsichtig. Ich bin keine tollpatschige Person, ganz im Gegenteil, aber total übermüdet, erschöpft und ständig kurz vor einer Panikattacke, steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Missgeschick auch bei mir massiv an. Ich presse meine Arme fest an meinen Körper, halte den Atem an, gehe so weit wie möglich an die seitliche Abgrenzung, um den grössten Abstand zum Rezeptionstresen zu haben, und gleite sachte hinter dem polnischen Countertenor und seinem Begleiter vorbei zur Rezeptionistin auf der anderen Seite. Dort angekommen hole ich erst einmal tief Luft. Geschafft, fürs Erste, wirklich runterkommen werde ich erst, wenn ich im Zimmer angekommen bin. „Sie haben mir Bescheid gegeben, dass mein Zimmer fertig ist“, hauche ich noch etwas ausser Puste von der Drahtseilnummer. „Ja, das hier ist Ihre Schlüssekarte. Sie sind das erste Mal bei uns?“ „Ja!“ „Gut, also dann erkläre ich Ihnen kurz wo alles ist.“ Sie zeigt mir einen Plan auf dem Frühstücksraum, Spa-Bereich etc. zu sehen sind, aber ich kann mich nur schwer konzentrieren, ständig kommt die Stimme Orlińskis dazwischen, die mich daran erinnert, dass ich das hier nun so schnell wie möglich hinter mich bringen und nach oben will.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_a77f00-d6 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_a77f00-d6">Für mein Ziel muss ich hoch hinaus</h2>



<p class="kt-adv-heading544_2d29bc-38 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_2d29bc-38">Ich nicke abwesend, während die nette Dame mir die Frühstückszeiten nennt. „So, haben Sie noch Fragen?“ Oh, sie meint mich, los konzentrier dich, jetzt ist absolut nicht der richtige Moment, um sich noch mehr zu blamieren. „Nein, ich denke, ich habe alle nötigen Informationen, vielen Dank!“ „Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Ihr Zimmer liegt in der 19. Etage.“ Was!?! Habe ich das gerade richtig verstanden, wieso ist mein Zimmer so weit oben? Ich sehe sie verdutzt an und frage ungläubig: „Die 19. sagten Sie?“ „Ja, die Fahrstühle sind gleich hier um die Ecke.“ „Dankeschön“, ich nehme die Schlüsselkarte, während ich spüre, dass meine peinliche Gesichtsfarbe sich nochmals intensiviert. 19. Etage, gerade befinde ich mich auf der 8., das sind 11 Stockwerke. Wie um alles in der Welt soll ich bei meinem Erschöpfungsgrad 11 Stockwerke nach oben gehen?! Ich habe schon seit Längerem das Gefühl, mich kaum noch auf den Beinen halten zu können, ich bin seit beinahe 32,5 Stunden wach und habe seit 31 Stunden nichts gegessen. Die zittrigen Glieder sind nicht mehr nur der Angsterkrankung geschuldet. In meinem Kopf springen die Gedanken hin und her, ich versuche fieberhaft abzuwägen, was die einfachere Variante wäre, eine Liftfahrt über 11 Stockwerke auszuhalten, oder mich Etage für Etage zu Fuss hochzukämpfen. Ich bin auf dem absoluten Nullpunkt, eher hoffnungslos schaue ich mich flüchtig nach dem Treppenhaus um, auch hier kann ich es nicht entdecken. Damit hat sich die Frage wohl erübrigt, ich habe keine Energie mehr, mich mit der Suche noch länger aufzuhalten. Vor mir sehe ich drei kleine Fahrstühle. So ein verdammter Mist! Schlimm genug, dass ich heute zum wiederholten Mal in einen Lift einsteigen soll, aber auch noch dieses Format? Super, so geräumig wie eine Sardinenbüchse. Hilflos stehe ich vor diesem gefühlt unüberwindbaren Hindernis. Mein Blick verschwimmt, schnell kneife ich die Augen zu, um die Tränen zu verdrängen, mir ist übel und schwindlig, meine Wangen glühen, mehrere Schweisstropfen gleiten meinen Rücken herab, mein Puls verdoppelt sein Tempo. Der nicht sonderlich sympathische Kellner beobachtet mich wieder. Ich drücke den Knopf, sofort öffnet sich die Tür des Fahrstuhls ganz rechts. Meine Atmung setzt aus, wie in Trance steige ich in den Stahlkasten, die Tastenanzeige blinkt rot, ich halte meine Karte ran und rücke die 19, während ich vorsichtig noch einen Schritt weiter hineingehe und mich mit dem Gesicht zum Ausgang drehe. Boom, die Tür schliesst, der Lift setzt sich in Bewegung. Ich drücke mich an die Seitenwand, meine Hände zu Fäusten geballt, halte ich den Atem an, mein Herz schlägt hart gegen meine Brust. Ich schliesse die Augen, in der Hoffnung so zu vergessen, wo ich bin, und flüstere mir zu: „Das geht ganz schnell, gleich hast du’s überstanden, halte durch, ein- und ausatmen, ein, aus.“…</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_de361e-fa wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_de361e-fa">Es geht steil bergab</h2>



<p class="kt-adv-heading544_187fed-dd wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_187fed-dd">Ein leichter Ruck: Oh gut, das ging wirklich schneller als erwartet. Der Fahrstuhl steht, die Tür öffnet sich, ich möchte sofort raus, aber da steht eine blonde Dame im Bademantel im Weg. Erschrocken stolpere ich ein paar Schritte zurück. Verdutzt werfe ich einen kurzen Blick auf die Stockwerkanzeige, als die Dame ein „Hallo“ säuselt. Mit wackelndem Po schiebt sie sich glucksend vor mich in den Lift. Oh nein, nein bitte nicht, hier ist KEIN Platz für noch eine Person!!! Kichernd, die Hüften kreisend, fragt sie mit einem starken Deutschweizer Akzent: „Wo ist der Wellnessbereich? Auf 7?“ Wellnessbereich?!!! Ach ja, das erklärt ihr Outfit. Aber das ist die falsche Richtung! Schnell sage ich ihr in unserer Muttersprache, dass sie sich geirrt hat. Das Sprechen fällt mir schwer, weil ich nun in Panik bin: „Der Lift fährt nach oben, Sie müssen einen anderen nehmen.“ Freudig erregt sucht ihr rechter Zeigfinger die entsprechende Taste, während sie mir gackernd in Züridütsch entgegnet: „Nein nein, das ist schon richtig, der geht runter.“ Die Wellnesslady scheint sich schon ein Gläschen Sekt gegönnt zu haben. Ihr Gekicher und das seltsame Wackeln und Hüpfen treiben mich ihn den Wahnsinn und lassen den Aufzug noch kleiner und enger wirken. Ich flüchte ganz nach hinten, presse mich gegen die Rückwand, mein Rücken ist nun klatschnass, mein Gesicht brennt wie Feuer, alles dreht sich, ich habe das Gefühl mich übergeben zu müssen, mein Brustkorb wird von einem imaginären Eisenkorsett zusammengequetscht, ich schnappe vergeblich nach Luft. Für einen Moment fühlt es sich an, als würde ich ohnmächtig. Bitte nicht, bitte nicht nach unten, das kann nicht sein. „Oder doch 6?“, lachend wirft sie ihre blonden Haare von einer Seite zur anderen. Du darfst jetzt nicht durchdrehen. Ich versuche, mit aller Kraft zu verhindern, dass ich gleich weinend und zittern zusammenbreche. Meine Hände krallen sich an der Seitenwand fest. „Der müsste zur 19. Etage fahren, dort ist mein Zimmer“, stottere ich keuchend, doch Miss Happy ignoriert mich, sie hat wahrscheinlich nur noch Pool und Massage im Sinn. Boom! Die Tür des Fahrstuhls schliesst sich mit einem unnatürlich lauten Knall in meinem Kopf. Nicht nach unten, ich flehe dich an, nicht nach unten. Der Lift setzt sich in Bewegung: Abwärts! Ich verliere den Boden unter meinen Füssen, die Decke und die Wände bewegen sich bedrohlich auf mich zu. Verzweifelt versuche ich, mich in der hinteren rechten Ecke des Aufzugs auf den Beinen zu halten. Ich habe einen Krampf im rechten Arm. Ich bräuchte jetzt ganz dringend Musik, doch meine Kopfhörer sind im Rucksack, dort komme ich nicht ran, denn wenn ich mich nicht mehr gegen die Rückwand presse, falle ich. „Hi, hi, hi“, meine Mitfahrerin kichert voller Vorfreude.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_7288cc-22 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_7288cc-22">Die Fahrgemeinschaft erhält Zuwachs</h2>



<p class="kt-adv-heading544_738b41-64 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_738b41-64">Ein erneuter Ruck, der Lift hält, die Tür geht auf und ein Blick auf die Stockwerkanzeige verrät mir, wir sind wieder auf der 8. Etage. Ich muss hier schnell raus, bevor ich mit der Wellnesslady noch weiter nach unten fahre. „Entschuldigung, darf ich hier bitte aussteigen, ich muss doch nach oben.“ Ich möchte mich gerade vorsichtig an ihr vorbei nach draussen schieben, als Jakub Józef Orliński vor dem Fahrstuhl erscheint. Erschrocken weiche ich zurück, mit einem Satz bin ich wieder hinten an der Rückwand und drücke mein schmerzendes Kreuz dagegen, während ich panisch den lächelnden Countertenor fixiere. Mein Herz hämmert gewaltsam gegen meine Brust bis unters Kinn. Irgendeine grausame Macht hat mich scheinbar in einen Fellinifilm katapultiert, das kann doch nur ein abscheulicher Scherz sein. Ich versuche zu lächeln, so sieht man hoffentlich meine Panik nicht gleich auf den ersten Blick. Wenn Orfeo hier auch noch einsteigt, falle ich auf der Stelle tot um und mir sind die Götter nicht so zugetan Euridice, da hilft es nichts, wenn er mit in die Unterwelt fährt. Mein ganzer Oberkörper zittert, ich muss hier raus! Meine Landsmännin macht nun mit ihren Bewegungen einer professionellen Hulatänzerin Konkurrenz und kichert wie ein schwerverliebter Teenie. Orliński dreht den Kopf nach links, ihm wird etwas zugerufen, sein Blick geht nach oben zur Anzeige und er verschwindet wieder von der Bildfläche. Seine Begleitung hat ihn wohl darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Lift nicht nach oben fährt. Jetzt habe ich wieder eine Chance raus zu kommen: „Entschuldigung, ich sollte hier aussteigen.“ Die aufgedrehte Dame hört mich nicht, sie flirtet mit den wartenden Herren: „Hi, hi, ja der fährt runter.“ Sie füllt mit ihrem Gewackel den ganzen Türbereich aus, ich komme nicht an ihr vorbei, ohne sie zur Seite zu schieben, was ich mich nicht traue. „Entschuldigung, darf ich bitte aussteigen?“. Da schliesst sich die Lifttür, wir setzen uns wieder in Bewegung. Bei mir macht sich blankes Entsetzen breit, in tiefer Verzweiflung schleppe ich mich in meine Ecke zurück, ein paar Tränen kullern über meine glühend heissen Wangen. Diese verdammten Ängste! Warum habe ich mich nicht einfach an der Wellnesslady vorbei nach draussen geschoben? Sie ist in ihrem Bademantel gut gepolstert und so überdreht, das hätte sie bestimmt nicht gestört. Ich könnte jetzt in einem Aufzug nach oben sein, warum läuft das so schief? Da fällt mir schlagartig ein: Wenn ich ausgestiegen wäre, dann würde ich jetzt gleichzeitig mit Jakub Józef Orliński auf den passenden Fahrstuhl warten. Laut Hersteller passen hier mehr als 2 Personen rein, das heisst, … Oh nein, bloss nicht dran denken. Ist die Talfahrt mit der Spa-Touristin eventuell doch die weniger beängstigende Variante? Mir fehlt die Kraft, diesem Gedankenspiel weiter zu folgen und jetzt ist es eh zu spät. Meine Beine sind wie Gummi, ich kann mich kaum noch aufrecht halten. Mir kommt es vor, als würde ich schon Stunden in diesem Stahlsarg gefangen sein. In meinem Kopf dröhnt ein ohrenbetäubendes Rauschen, gleichzeitig spielt meine innere Jukebox verrückt, eine Kakophonie aus Trauerliedern, ich kann meinen ultimativen Schutzmechanismus nicht mehr unterdrücken, ich spüre, wie Geist und Körper sich voneinander lösen.<br>Ein Ruckeln und ein grelles Lachen holen mich aus der Dissoziation. Benommen schaue ich zur Anzeige, das ist die reinste Höllenfahrt, wir sind gerade mal ein Stockwerk weiter unten. Der Fahrstuhl öffnet sich und ich sehe eine scheinbar schlecht gelaunte Hotelangestellte mit Handtüchern bewaffnet. Miss Happy lässt sich davon nicht beirren. „Hallo“ flötet sie, „ist das das Spa?“ „Nein, eins weiter unten“ antwortet die andere knapp und schiebt sie in meine Richtung, um auch einsteigen zu können. Sie wirft mir, dem gequälten Häufchen Elend in der Ecke, einen strengen Blick zu. Ich versuche sie mit einem verzerrten Lächeln zu besänftigen. Die Hotelangestellte ist damit nicht zufrieden, sie beäugt mich wie eine Schwerverbrecherin. Nach gefühlt 1000 Kurzschlüssen in meinem Gehirn, kommt mir eine mögliche Erklärung für ihr Verhalten. Wir sind auf dem Weg zum Wellnessbereich – falls wir dort jemals ankommen – und dafür bin ich mit Sneakern, Jeans, Jeansjacke, Hoodie und Rucksack nicht angemessen ausgestattet. „Es ist etwas schief gegangen, ich muss eigentlich nach oben, aber plötzlich fuhr der Lift wieder nach unten“ versuche ich meine Anwesenheit in diesem Bereich zu rechtfertigen, was mit einem Kichern meiner Landsmännin kommentiert wird. Ein erneuter Ruck verrät uns, dass wir den nächsten Halt erreicht haben. Die Wellnesslady quietscht begeistert, wir haben ihr Ziel erreicht. Mit wackelndem Po hüpft sie raus, hebt die rechte Hand und trällert „Adieu!“, die Hotelangestellte folgt ihr. „Adieu“, keuche ich und schnappe nach Luft.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_48d8d5-65 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_48d8d5-65">Fahrt in den goldenen Herbst</h2>



<p class="kt-adv-heading544_c66bf0-e7 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_c66bf0-e7">Meine Mitfahrerinnen bin ich los, doch als ich nach vorne möchte, um erneut die 19 zu drücken, setzt sich der Aufzug wieder in Bewegung, natürlich abwärts. Mein inneres Schreien und Weinen könnte dieses Gebäude zum Einsturz bringen, ich bin auf immer und ewig in diesem Alptraum gefangen. Federico, es ist Zeit für einen Cut!!! Verzweifelt drücke ich die Taste mit der 19, verbunden mit einem leisen Flehen: „Bitte tu mir das nicht an.“ Der Lift kommt erneut zum Stehen, vor der Tür taucht eine überraschte Dame in Hoteluniform auf. Ich stolpere möglichst rasch nach hinten. „Oh, hallo“, begrüsst sie mich freundlich lächelnd und steigt ein. Ich gebe mir Mühe ebenfalls freundlich zurückzulächeln, um mir meine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen – falls das überhaupt möglich ist – und erkläre meine Anwesenheit in den Katakomben des Hotels: „Irgendetwas hat nicht geklappt, als ich eingestiegen bin, und jetzt mache ich eine kleine Hotelrundfahrt. Ich möchte eigentlich in die 19. Etage.“ Schnell nochmal ein zerknirschtes Lächeln hinterher, Humor soll ja ab und zu helfen, peinliche Situationen aufzulockern. „Warum nicht“, meint sie, „das hat auch was für sich.“ Sie zwinkert mir zu. Puh, Glück gehabt, diese Dame ist wenigstens nicht böse, dass ich in einem Bereich gelandet bin, in dem ich nichts verloren habe. Es geht endlich aufwärts. „Gerade angekommen?“ Ich zucke mit den Schultern: „Ist wohl nicht zu übersehen?“ Die Hotelangestellte lacht: „Sie haben Glück mit dem Wetter, wir kriegen einen goldenen Herbst, für die nächsten Tage ist viel Sonnenschein angekündigt.“ „Perfekt!“ Kauft sie mir die gespielte Lässigkeit ab? Ein Ruck, wir stehen wieder und als sich die Türe öffnet, erkenne ich sofort die Rezeptionsetage. Sie wünscht mir einen schönen Aufenthalt und geht Richtung Bar.<br>Hektisch hole ich meine Schlüsselkarte aus der Jackentasche, presse sie gegen die Anzeige und drücke mehrere Male nervös auf die 19. Gleichzeitig schiele ich nach draussen, ob da evtl. jemand steht, der schon wieder zusteigen könnte. Jakub Józef Orliński ist hoffentlich schon längst in seinem Zimmer angekommen. Gut, niemand zu sehen. Die Tür schliesst sich und mit geschlossenen Augen flehe ich mein eisernes Gefängnis an, mich endlich, endlich zu meiner Etage zu befördern. Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung, aufwärts. Meine Erleichterung ist überwältigend, jetzt bitte nur keine Zwischenstopps, bitte, bitte, bitte! Ich stütze mich an der Seitenwand ab, mein Drehschwindel macht sich deutlich bemerkbar. Der Lift fährt leise surrend, unaufhörlich nach oben. Gebannt sehe ich auf die Stockwerkanzeige, 13, 14, 15, ich kann vor lauter Nervosität kaum atmen. Gleich bin ich da, nur noch 2, 1, ja, danke!!! „Komm schon!“ Ungeduldig warte ich, dass die Tür aufgeht. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht-1024x768.jpg" alt="Zimmer in Elbphilharmonie mit Aussicht über HafenCity" class="wp-image-530" style="width:277px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht-1024x768.jpg 1024w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht-300x225.jpg 300w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht-768x576.jpg 768w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht.jpg 1200w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>
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<p class="kt-adv-heading544_20ec12-00 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_20ec12-00">Es kommt mir so vor, als öffnete sie sich in Zeitlupe. Als der Spalt breit genug ist, dass ich durch passe, hechte ich nach draussen. Vollkommen erschöpft gleite ich, angelehnt an der Flurwand, auf den Boden. Mein ganzer Körper schüttelt sich, ich kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich höre Stimmen, eine Tür fällt ins Schloss. Todmüde richte ich mich auf, suche schnell nach der Richtung meines Zimmers und laufe los. So darf mich niemand sehen und ich kann auch keine weiteren fremden Personen ertragen. Da, auf der rechten Seite ist es, ich halte die Schlüsselkarte ans Schloss, grünes Licht, ich öffne die Tür, ja, da steht mein Koffer, das ist mein Zimmer, endlich! Was für ein Kampf, ein wahrer Kraftakt. Langsam gehe ich weiter ins Zimmer hinein, erst jetzt sehe ich zur grossen Fensterfront, der Ausblick ist, selbst durch den Sonnenschutz, beeindruckend.</p>



<div class="wp-block-kadence-advancedbtn kb-buttons-wrap kb-btns544_324aee-fc"><a class="kb-button kt-button button kb-btn544_c77e83-b2 kt-btn-size-standard kt-btn-width-type-auto kb-btn-global-fill kt-btn-has-text-true kt-btn-has-svg-false wp-block-kadence-singlebtn" href="https://hochbegabtmithandicap.ch/orpheus-magie-teil5/"><span class="kt-btn-inner-text">Teil 5</span></a></div>
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		<title>Orpheus‘ Magie in der Elbphilharmonie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Birgit]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Oct 2023 21:41:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Basel]]></category>
		<category><![CDATA[Elbphilharmonie]]></category>
		<category><![CDATA[Jakub Józef Orliński]]></category>
		<category><![CDATA[Klassik]]></category>
		<category><![CDATA[Konzert]]></category>
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					<description><![CDATA[Teil 2 Katastrophe oder Grund zur Freude?
Ich bin sehr emotional, oft spontan und natürlich, wenn es um meine Ängste geht, irrational. Doch ich bin auch sehr verantwortungsbewusst und zuverlässig, ich bezahle immer pünktlich meine Rechnungen, vergesse nie Termine und bin pünktlich vor Ort. Ich halte mich an Zusagen oder Versprechen, die ich mache, ganz selten, wenn es mir gar nicht gut geht, kann es passieren, dass ich etwas durcheinanderbringe.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="349" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg" alt="Orpheus' Gesang wirkt magisch auf Tiere_Bild von Videoanimation" class="wp-image-527" style="aspect-ratio:2.005730659025788;width:597px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg 700w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus-300x150.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>
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<h2 class="kt-adv-heading521_ff1d53-f7 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_ff1d53-f7">Teil 2 Katastrophe oder Grund zur Freude?</h2>



<p class="kt-adv-heading521_54eb29-21 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_54eb29-21"><em>Der Mensch in uns sagt: zahl’ freiwillig deine Schuld an die fremde Not, leide mit alles Leiden, versag dir die Freude! Und das Leben befiehlt: gib dich hin an jede Freude, sie ist deiner Seele Brot und Blut.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Stefan Zweig</em></p>



<p class="kt-adv-heading521_82a44e-e0 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_82a44e-e0">Ich bin sehr emotional, oft spontan und natürlich, wenn es um meine Ängste geht, irrational. Doch ich bin auch sehr verantwortungsbewusst und zuverlässig, ich bezahle immer pünktlich meine Rechnungen, vergesse nie Termine und bin pünktlich vor Ort. Ich halte mich an Zusagen oder Versprechen, die ich mache, ganz selten, wenn es mir gar nicht gut geht, kann es passieren, dass ich etwas durcheinanderbringe. Alle, die mich kennen, wissen, auf mich kann man sich verlassen, i.d.R. ungeachtet meiner Probleme. Spontanbuchungen in dieser Grössenordnung sehen mir nicht ähnlich, deshalb bin ich so erschrocken, stehe unter Schock und darum ist klar, dass ich in einer gewaltigen Krise stecke.<br>Die Euphorie über meine Glückssträhne ist gänzlich verflogen. Ich schalte das Notebook aus und mache mich, immer noch vollkommen erschöpft, fertig um schlafen zu gehen. Ein Schutzmechanismus setzt ein: Als ich am nächsten Morgen aufstehe, denke ich nicht an die Konzertreise nach Hamburg, alles, was damit zu tun hat, ist ausgeblendet. Dieser Zustand hält eine Woche an, dann erhalte ich von Easyjet eine Mail, Vorschläge für meinen Aufenthalt. Ich kriege wieder einen riesen Schrecken, das habe ich total verdrängt. Erneute Fassungslosigkeit macht sich breit, meine Brust wird eng, ich kriege kaum Luft und fange an zu weinen. Wie konnte ich das nur tun?! Doch jetzt lässt es sich nicht mehr ändern. Ich habe so viel Geld ausgegeben, jetzt muss ich das auch durchziehen, aber wie?!? Wie um alles in der Welt soll ich, in diesem Zustand, alleine nach Hamburg kommen? Ich bin verzweifelt und aus dem leisen Weinen wird ein heftiger Heulkrampf, mein ganzer Körper wird durchgeschüttelt.</p>



<h2 class="kt-adv-heading521_32d0d4-83 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_32d0d4-83">Auf das Positive konzentrieren</h2>



<p class="kt-adv-heading521_895340-03 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_895340-03">Gegen Ende des Tages versuche ich meine Gedanken umzulenken und etwas Abstand zu gewinnen, versuche es aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ja, es sieht mir nicht ähnlich, so etwas zu tun. Ich habe nahezu mein ganzes Geld auf dem Konto innerhalb eineinhalb Stunden ausgegeben, für ein Konzertticket mit Hotelaufenthalt und An- und Abreise, das ist mehr als unvernünftig. Andererseits geht es mir seit längerem nicht gut und seit einigen Monaten ist es extrem, den gesamten Sommer war ich wieder einmal gezwungen, über meine Belastungsgrenzen zu gehen. So betrachtet, ist es eigentlich verständlich, dass ich dringend raus muss aus diesem Hamsterrad, dass ich ein schönes Erlebnis brauche, dass ich mir etwas gönnen möchte. Ok, etwas gönnen und gleich alles auf den Kopf hauen, ja, da habe ich übers Ziel hinaus geschossen. Es ist aber die Elbphilharmonie, der grosse Saal der Elbphilharmonie, der ständig ausverkauft ist, besonders, wenn dort Publikumslieblinge auftreten. Ich merke, ganz tief in meinem Innern, wie sehr ich mich darüber freue, oder besser gesagt, darüber freuen möchte und aufgeregt bin, dass ich tatsächlich ein Ticket gekriegt habe. Doch das schlechte Gewissen droht als dichte schwarze Wolke über dieser verborgenen Freude, so dass sich Fröhlichkeit und Begeisterung ganz schnell wieder verstecken. Und dann ist da die Angst: Die Reise, die nötig ist, um in den Genuss des Konzerts zu kommen, überfordert mich, löst Panik aus. Und trotzdem, wenn ich daran denke, wie ich zum Ticket und allem anderen gekommen bin, das ist verrückt, surreal und birgt eine gewisse Faszination. In Gedanken sehe ich es wieder vor mir: Ohne jede Erwartung schaue ich mich auf der Webseite um, erwische zufällig ein Konzert, nicht nur mit Musiker<em>innen und Sänger</em>innen, die ich sehr mag, sondern das auch noch zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem ich nicht arbeiten muss, und das in gerade mal vier Wochen. So viele glückliche Zufälle, das kann man nicht ignorieren, oder? Meine Anspannung nimmt etwas ab, dieses Gedankenspiel scheint zu funktionieren. Also gut, weiter mit dem Versuch, mein Handeln zu erklären und als positive Fügung des Schicksals einzuordnen. Meine letzte Reise ist vier Jahre her, ich kann niemandem hier helfen, wenn ich nicht auch mal Pause mache, ohne Lichtblick werden die Ängste und Depressionen nicht weniger. Ein Tapetenwechsel tut sicher auch meiner Kreativität gut, die leidet sehr unter dem momentanen Zustand, ist aber ansonsten ein wichtiger Teil von mir. Ich seufze leise, ja, ich brauche das, ich löse mich aus der verkrampften Körperhaltung, ach, endlich wieder Livemusik geniessen und etwas Neues sehen, etwas Besonderes erleben. Ich kann besser atmen, meine Gesichtszüge entspannen sich, in meinem Innern spielen ein paar Arien aus Glucks Oper leise an, ich schliesse die Augen, mein Körper wiegt sich sachte zur Musik. Ich stehe wieder vor der Elbphilharmonie, damals, als sie noch nicht fertig war, ich mich gefragt habe, wie die Konzertsäle wohl aussehen. Ich blicke über den Hamburger Hafen. Die Musik gleitet übers Wasser, nicht den Rhein, sondern die Elbe. … Päng! Ich werde aus meinem Traum katapultiert und lande hart vor der nächsten Panikattacke. Hamburg, nicht Basel! Sofort verkrampfe ich wieder, ich presse die Zähne aufeinander, die Atmung wird flach, mein Herz hämmert gegen meine Brust, als wollte es mir sagen, wie kannst du es wagen, dich in so einer schwierigen Zeit davon zu stehlen und mit deinen mickrigen Einkünften in einem Luxushotel zu übernachten? Glücklicher Zufall, erfreulicher Wink des Schicksals? Pah! Die Angst bahnt sich aus dem dunklen Labyrinth meines Bauches ihren Weg zu meiner Brust, schnürt alles ein, verspottet mich: Du willst so in ein Flugzeug steigen, dich drei Tage allein in einer Grossstadt aufhalten, in einem noblen Hotel gastieren und dich in einen weltberühmten Konzertsaal setzen?! Die schönen Klänge, die warme Entspannung und der federleichte Traum müssen der Verzweiflung weichen.</p>



<h2 class="kt-adv-heading521_0ebb1f-e7 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_0ebb1f-e7">Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freud</h2>



<p class="kt-adv-heading521_24c798-60 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_24c798-60">So geht das zwei Wochen lang, ein ständiges Auf und Ab: Das wird schön. Nein, das schaffe ich niemals. Du darfst das nicht. Doch du brauchst das. Meist überwiegt die Sorge, die Angst, das Gefühl einen grossen Fehler gemacht zu haben, das nicht verdient zu haben.<br>Erst 20 Tage nach dem ereignisreichen Abend, erzähle ich einer Freundin, mit sehr schlechtem Gewissen, von dieser Frustbuchung. Einen Tag später einer zweiten, nach und nach beichte ich all meinen Freundinnen meine Reisepläne. Sie sind sich alle einig, die Reaktionen fallen, zu meiner grossen Überraschung, alle gleich aus: „Das ist super, du bist so mutig! Toll, dass du dich das traust! Das wird grossartig, du wirst sehen. Das hast du verdient, geniess das Konzert, lass es dir gutgehen. Wir freuen uns schon auf die Fotos von der Elbphilharmonie.“ Das hatte ich nicht erwartet, nicht eine erklärt mich für verrückt und findet, dieser Luxus sei Wahnsinn und die Reise, mit meinen Problemen, ohnehin zum Scheitern verurteilt. Das hilft ein wenig, aber leider nicht genug, um die Panikattacken zu verhindern, sie häufen sich, je näher der Tag der Abreise rückt. Eine Freundin meint, ich solle meiner Intuition vertrauen und es mir erlauben, mich auf diese besondere Gelegenheit zu freuen. </p>


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<figure class="alignright size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="672" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Ella-in-London.jpg" alt="Vinyl Ella in London live 1974" class="wp-image-756" style="aspect-ratio:1.0416666666666667;width:211px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Ella-in-London.jpg 700w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Ella-in-London-300x288.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>
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<p class="kt-adv-heading521_d68354-99 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_d68354-99">Ich bin in der Zwischenzeit dazu übergegangen, meine Stimmung nicht mit Musik in meinem Kopf, sondern mit Musik von Tonträgern positiv zu beeinflussen. Eines meiner liebsten Jazzalben, Ella in London, eine Liveaufnahme von 1974, schafft das immer wieder. Tanzend singe ich leise mit: „The way you wear your hat, the way you sip your tea …“. Doch ich konnte mich bisher noch nicht 100%ig überzeugen, dass die Reise und das Konzert eine gute Idee sind und ich es einfach nur geniessen soll.<br>Zwei Tage vor Abflug informiere ich meine Mutter. Sie ist sich mit meinen Freundinnen einig, doch einen Einwand hat sie: „Du gehst nicht um 3:45 Uhr allein im Dunkeln zum Bahnhof!“ Das Tram Richtung Bahnhof fährt so früh morgens noch nicht, also wollte ich zu Fuss zum Flughafenbus, der vom Bahnhof aus startet. Ich rolle mit den Augen: „Mich klaut schon keiner, wäre nur doof, wenn’s stark regnet.“ „Nein, ich verbiete es!“ Mir rutscht ein spöttisches Lachen heraus: „Ich habe dich nicht um Erlaubnis gefragt, ich wollte dich nur informieren.“ Was hat sie für ein Problem, knappe 1,5km früh morgens zu Fuss durch die Stadt, ist nun wirklich keine grosse Sache. Wenn sie wüsste, wie oft ich schon im Dunkeln diesen Weg gegangen bin, ausserdem habe ich schon einen Grossteil dessen, was da passieren kann, erlebt, daher finde ich, meine Mutter übertreibt masslos.<br>„Du nimmst ein Taxi zum Bahnhof, Ende der Diskussion!“ Hat sie nicht mitgekriegt, dass ich seit einer ganzen Weile volljährig bin? Ich fühle, wie Ärger in mir aufkommt, aber sie meint es ja nicht böse, also versuche ich, ihr meine Gründe zu erklären. „Mama, das Taxi ist auch für diese kurze Strecke sehr teuer, da kann ich mich gleich zum Flughafen fahren lassen.“ „Noch besser, ja, mach das.“ Ok, das Argument ging nach hinten los, ich muss mich deutlicher ausdrücken: „Ich bin mit dieser Reise schon absolut am finanziellen Limit, eigentlich weeeeeit drüber, eine Taxifahrt passt nicht ins Budget, selbst wenn ich die drei Tage in Hamburg komplett aufs Essen verzichte.“ „Gut, ich bezahle dir das Taxi.“ „Nein!“, seufzend versuche ich meiner Mutter klarzumachen, dass ich mit diesem Dilemma selbst klar kommen muss, da ich es mir schliesslich auch eingebrockt habe. „Wenn ich auf die verrückte Idee komme, mein Konto zu plündern, um Jakub Józef Orliński in der Elbphilharmonie singen zu hören, dann muss ich auch die Konsequenzen tragen und ausserdem weisst du genau, dass es für mich super stressig ist, ein Taxi zu bestellen und mich dann auch noch in diesem zum Flughafen fahren zu lassen.“</p>



<h2 class="kt-adv-heading521_231ab3-97 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_231ab3-97">Combat de reines</h2>



<p class="kt-adv-heading521_e753bb-b7 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_e753bb-b7">Meine Mutter ist Walliserin, aus der Romandie. Sie hat viel Temperament und wenn sie glaubt, ihre Kinder beschützen zu müssen, kriegt man es regelrecht mit der Kampflust einer Eringer Kuhkönigin zu tun. Es wäre also besser, rechtzeitig aufzugeben, seine Niederlage einzugestehen, um sich keine Blessuren einzufangen. Für jeden anderen, doch ich bin die Tochter dieser „Reine“, und wegen der Herkunft meines Vaters fliessen zusätzlich noch 25% nordnorwegsiches Wikingerblut und 25% polnische Widerstandskraft durch meine Adern, was mich zu einer mehr als ernstzunehmenden Gegnerin macht, auch wenn ich, nicht nur äusserlich, ganz nach den Schweizer Verwandten komme. Bei Meinungsverschiedenheiten mit meiner Mutter habe ich aber schon unzählige Male, zwar jeweils nur kurz, meine Walkürengene und den slawischen Kampfgeist aktiviert, was sie natürlich weiss und deshalb die Strategie ändert; Mama packt die Mitleidskarte aus: „Willst du mich absichtlich leiden lassen? Ich werde die nächsten Tage nicht schlafen können und mir schreckliche Sorgen machen.“ Willkommen im Club, schiesst es mir für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf, aber selbstverständlich wünsche ich es niemandem, so viel psychischen Stress zu haben, wie ich und da ich ihre Emotionen, wegen der Hochsensibilität, immer sehr stark spüre und mich diese gerade jetzt zusätzlich belasten, lenke ich ein, allerdings nicht, ohne ihr meinerseits noch einen Stoss mit den Hörnern zu verpassen: „Na schön, dir macht es offensichtlich nichts aus, dass ICH dann vor meiner Abreise mit Garantie nicht schlafen werde, weil nun ein riesiger Stressfaktor dazu gekommen ist.“ Meine Mutter zuckt mit den Schultern und lächelt zufrieden. Sie geniesst ihren Sieg, ihre Tochter ist sicher, die paar zusätzlichen Panikattacken meinerseits fallen für Mama nicht ins Gewicht, sie denkt vermutlich nur: Mission erfüllt. „Gib mir Bescheid, wenn du das Taxi bestellt hast.“</p>



<h2 class="kt-adv-heading521_05986c-89 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_05986c-89">Zieh es durch!</h2>



<p class="kt-adv-heading521_9dc129-83 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading521_9dc129-83">Diese Bemerkung löst zwei Impulse aus: Die nordische Kriegerin in mir schwingt ihr Schwert und möchte zum Schlag ausholen, doch wird gleich vom Herzen der mitfühlenden Tochter gebremst. Mein traumatisiertes Gehirn stuft diese Aufgabe sofort wieder als unüberwindbare Hürde ein und versetzt meinen Körper erneut in den Panikmodus. Ich werde telefonieren müssen, um ein Taxi zu bestellen, was für mich entsetzlich ist und dann werde ich mindestens 15 Minuten lang gezwungen sein, in einem Taxi zu sitzen. Das ist für mich schwieriger als Bus fahren, weil es noch persönlicher ist, als Fahrgast ist man in einem Taxi sichtbarer, nicht so anonym, wie in einem grossen Bus. Mein Puls schiesst in die Höhe, mir wird übel. Wie können die anderen nur sagen, diese Reise sei eine gute Idee? Es wird schlimmer, mir scheint, als könne ich zwischen den einzelnen Panikattacken der vergangenen Wochen kaum noch Luft holen. Hotel und Konzert müssen eine absolute Sensation sein, damit sich dieser Stress und die Panikattacken beinahe in Dauerschleife auch lohnen. Meine Beine zittern, ich muss mich setzen, in meinem Kopf rauscht und pfeift es, Verzweiflung und Verachtung bahnen sich ihren Weg zu meinem Herze. Erschöpft und mit den Tränen kämpfend verabschiede ich mich von meiner Mutter. Auf dem Weg nach Hause gehen mir die Reaktionen meiner Freundinnen durch den Kopf. Trotz und Wut über meine Erkrankung flammen auf, ich will nicht so sein. Ich beschliesse, dass die anderen recht haben und ich alles versuchen werde, um die Reise durchzuziehen, es irgendwie zu schaffen. Das Konzert, die Möglichkeit Jakub Józef Orliński in der Elbphilharmonie singen zu hören, wird die Mühe Wert sein! Und wenn ich erst einmal dort bin, werde ich meine Begeisterung zulassen.</p>



<div class="wp-block-kadence-advancedbtn kb-buttons-wrap kb-btns521_f057f6-ac"><a class="kb-button kt-button button kb-btn521_833d2e-54 kt-btn-size-standard kt-btn-width-type-auto kb-btn-global-fill kt-btn-has-text-true kt-btn-has-svg-false wp-block-kadence-singlebtn" href="https://hochbegabtmithandicap.ch/orpheus-magie-teil3/"><span class="kt-btn-inner-text">Teil 3</span></a></div>
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		<title>Orpheus‘ Magie in der Elbphilharmonie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Birgit]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Oct 2023 21:32:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Elbphilharmonie]]></category>
		<category><![CDATA[Jakub Józef Orliński]]></category>
		<category><![CDATA[Klassik]]></category>
		<category><![CDATA[Konzert]]></category>
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					<description><![CDATA[Teil 1 Ticketkauf   
Am Abend, des 5. September 2022 sitze ich frustriert vor meinem Notebook. Der Sommer ist fast vorbei, in der nächsten Woche muss ich wieder mit dem Unterrichten anfangen und bin zeitlich weniger flexibel. Normalerweise mache ich mit meinen Eltern während der Sommermonate ein paar Tagesausflüge, kleine Auszeiten, um Energie zu tanken und Neues zu entdecken.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="349" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg" alt="Orpheus' Gesang wirkt magisch auf Tiere_Bild von Videoanimation" class="wp-image-527" style="aspect-ratio:2.005730659025788;width:594px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg 700w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus-300x150.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>
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<div style="height:38px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="kt-adv-heading1080_40da5f-69 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_40da5f-69"> Teil 1   Ticketkauf</h2>



<p class="kt-adv-heading1080_5ef72f-5a wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_5ef72f-5a"><em>Der Verstand sucht, aber das Herz findet.</em><br><em>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; George Sand</em></p>



<p class="kt-adv-heading1080_62283c-f3 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_62283c-f3">Am Abend, des 5. September 2022 sitze ich frustriert vor meinem Notebook. Der Sommer ist fast vorbei, in der nächsten Woche muss ich wieder mit dem Unterrichten anfangen und bin zeitlich weniger flexibel. Normalerweise mache ich mit meinen Eltern während der Sommermonate ein paar Tagesausflüge, kleine Auszeiten, um Energie zu tanken und Neues zu entdecken. Doch diesen Sommer fiel unsere Tradition aus. Mein Vater erkrankte kurz vor Ostern, hatte plötzlich starke Schmerzen und schwerwiegende Einschränkungen, aber kein Arzt konnte bisher herausfinden, was ihm fehlt. Die vergangenen Monate waren entsprechend stressig und belastend, die Sorge um meinen Vater und die Hilflosigkeit lähmen und deprimieren mich. Meine eigenen Probleme verstärken sich durch diese schwierige Situation.<br>Die Decke fällt mir auf den Kopf, ich halte es nicht mehr aus, brauche dringend ein schönes Erlebnis, aber was und wie?</p>



<h2 class="kt-adv-heading1080_701621-1b wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_701621-1b">Konzertprogramme durchzustöbern hebt vielleicht die Stimmung</h2>



<p class="kt-adv-heading1080_94054a-db wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_94054a-db">Planlos surfe ich im Internet. Ich klicke mich durch diverse Seiten, betrachte Bilder von Orten, die ich so gerne mal sehen würde. Spontan verfeinere ich die Suche, ich möchte mir Seiten von Konzert- und Opernhäusern ansehen, die ich am liebsten als Nächstes besuchen würde, na ja, wenn da die Phobien und das knappe Budget nicht wären. Aber einfach mal gucken kostet nichts und ich muss mich physisch nicht vom Fleck bewegen. In den Programmen stöbern und ein bisschen träumen, das holt mich vielleicht aus meinem Tief heraus. Ich lande bei der Elbphilharmonie und scrolle seufzend durch die Konzertliste. Oh wie schön, das würde ich gerne hören; ah, das klingt bestimmt toll.<br>Ich bin auf der Liste in der ersten Oktoberwoche angekommen. Boom! Mein Frustpegel schiesst in die Höhe. Jakub Józef Orliński wird am 5. Oktober Glucks „Orfeo“ singen. Ich spüre einen Stich im Herzen, jetzt bin ich noch deprimierter als vorher. Der polnische Sänger gehört zu einem meiner liebsten Countertenören und damit nicht genug, nein, ich wollte ihn eigentlich diesen Sommer am Verbier Festival hören/sehen, doch wegen der besagten Familiensituation war auch das nicht möglich.</p>



<h2 class="kt-adv-heading1080_5a150f-f1 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_5a150f-f1">Ein Traum zum Greifen nah</h2>



<p class="kt-adv-heading1080_c2d852-3e wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_c2d852-3e">Um nicht weiter Salz in die Wunde zu streuen, will ich schnell weiter, scrolle nach unten, doch als Jakub Józef Orlińskis Bild schon fast vom Screen verschwunden ist, entdecke ich rechts ein Feld, auf dem „Tickets“ steht. Ohne zu überlegen, klicke ich drauf und bin ganz irritiert, als sich der Saalplan öffnet. Das Konzert ist in einem Monat und es gibt noch Tickets? Das ist unmöglich, in der Elbphilharmonie kriegt man so kurzfristig nichts für den grossen Saal. Ich gehe zurück und schaue mir den Konzerteintrag nochmals an: 5. Oktober, Elbphilharmonie grosser Saal, Gluck: Orfeo ed Euridice/Thomas Hengelbrock und ein Foto von Jakub Józef Orliński. Bin ich im Jahr verrutscht? Nein, da steht es in fettgedruckten Buchstaben: 5. Oktober 2022 und unten „Tickets“. Vorsichtig klicke ich nochmals auf das Feld, während ich den Atem anhalte. Wieder ploppt der Saalplan auf, mein Herz hämmert gegen meine Brust. Ich starre ungläubig auf den Bildschirm, traue mich nicht, mich zu bewegen. Da sind bunte Punkte, die freie Plätze markieren. Zugegeben, es sind wenige, aber vereinzelt, in verschiedenen Kategorien, gibt es scheinbar noch Tickets. Das ist ein Scherz, oder habe ich Halluzinationen? In meinem Kopf rauscht es, mein Herz schlägt nicht nur kräftiger, sondern nun auch schneller. Ich vergrössere den Saalplan, tatsächlich ein paar wenige bunte Punkte, eindeutig. Mit zitternder Hand bewege ich den Cursor zu einem der vermeintlich freien Plätze in der 1. Kategorie. Ich bin neugierig, was das kosten würde. Ach herrje, das ist viel Geld für mich, im Sommer habe ich meist kein Einkommen, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich sogar mit mehr gerechnet.</p>



<h2 class="kt-adv-heading1080_8c397f-4b wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_8c397f-4b">Muss ich mich von diesem Traum verabschieden?</h2>



<p class="kt-adv-heading1080_bf6279-79 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_bf6279-79">82 Euro, ich fixiere, immer noch total verblüfft, diesen gelben Punkt. Im Fernsehen habe ich damals die Eröffnung der Elphi mitverfolgt und eine Dokumentation über die besondere Akustik des grossen Saals gesehen. Ich stand auch schon vor diesem besonderen Gebäude, da hätte es bereits fertig sein sollen, aber der Bau verzögerte sich um mehrere Jahre und ich war damals sehr enttäuscht, dass ich mir die Elbphilharmonie noch nicht von innen ansehen konnte.<br>Jakub Józef Orliński in dem aussergewöhnlichen Konzertsaal live singen zu hören, das wäre fantastisch. Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, ihn auf der Bühne zu erleben, jedes mal kam etwas dazwischen oder ich konnte das nötige Geld nicht aufbringen. Sehnsüchtig betrachte ich den Saalplan und höre in Gedanken „Che farò senza Euridice“, Orfeos wohl bekannteste Arie in Glucks Oper.<br>Die Hansestadt Hamburg ist aber fast 700km Luftlinie von Basel entfernt. Es ist eine der Städte, in denen ich studiert habe, und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie schwierig die Reise von Ort zu Ort für mich war. In meiner momentanen Verfassung ist das unmöglich, da komme ich nicht hin. Für meinen Geldbeutel wäre es ebenfalls eine grosse Belastung, denn ich müsste nicht nur das Ticket, sondern auch Reise und Unterkunft bezahlen. Mein Verstand hat es, nüchtern betrachtet, schnell erfasst, das ist aus mehreren Gründen nicht realisierbar.</p>



<h2 class="kt-adv-heading1080_1b1b7e-d9 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_1b1b7e-d9">Gefühle sind stärker als die Vernunft</h2>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="332" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Ticket-Gluck.jpg" alt="Konzertticket für Gluckoper Orfeo ed Euridice in Elbphilharmonie" class="wp-image-532" style="width:455px;height:auto"/></figure>
</div>


<p class="kt-adv-heading1080_4fa388-8d wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_4fa388-8d">Mein musiksüchtiges Herz und meine kulturhungrige Seele sehen das anders. Wie in Trance wähle ich diesen Platz auf Etage 15 im Bereich K für 82 Euro aus. Wenn schon Elbphilharmonie, dann auch auf einem guten Platz, da ist die Akustik vermutlich überragend. Ohne den Blick vom Screen zu lösen, greife ich nach meinem Portemonnaie, ich brauche meine Kreditkarte. Ich spüre leichte Übelkeit aufkommen, mein Puls steigt, ich ignoriere es.<br>Eintritt in die Elphi gesichert, hurra! Jetzt muss ich irgendwie dahin kommen. Es fühlt sich an, als wäre ich von dichtem Nebel umgeben. Mein Gehirn versucht, zu meinem Körper durchzudringen, ohne Erfolg. Frust und Trauer, Sehnsucht und Trotz sind stärker, sie schliessen die Ratio aus. Gibt es einen Nachtzug nach Hamburg? Wenn ja, dann ist dieser, nur vier Wochen vor Konzertbeginn, sicher ausgebucht. Meine Suche spuckt kein positives Ergebnis aus. Mist, tagsüber kann ich nicht stundenlang im Zug sitzen, vor allem nicht in Deutschland, nicht, wenn ich alleine reise, da stürze ich mich spätestens nach zwei Stunden auf die Notbremse. Leise schleicht sich Panik an, meine Beine zappeln nervös. Doch ich habe scheinbar den Selbstzerstörungsmodus aktiviert, barsch schiebe ich diese wohlbekannten Gefühle zur Seite. Der dichte Nebel hüllt mein Herz und meine Seele in ein Vakuum, ich starre auf den Bildschirm und habe nur noch eine Mission, diesen Konzertbesuch wahrwerden zu lassen. Die Vernunft muss von aussen machtlos zusehen, wie ich nun einen Flug buchen will. Zu dieser Zeit sind Schulferien in Basel, das wird teuer, falls noch Plätze verfügbar sind. Oh, noch wenige Tickets und auch günstiger als erwartet, läuft! So eine wahnsinnige Aktion in einem derart rasanten Tempo, das wird langsam auch meiner Seele zu viel. Sie hat das Bedürfnis, sich den gewohnten Gefühlen zuzuwenden: Resignation und Angst. Mein Körper lässt das nicht zu, meine Wangen glühen, die Hände zittern, hochkonzentriert, aber wie im Fieberwahn, springe ich zum nächsten Punkt, Unterkunft.</p>



<h2 class="kt-adv-heading1080_e2b7bd-e7 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_e2b7bd-e7">Don’t stop me now!</h2>



<p class="kt-adv-heading1080_3d6fc3-69 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_3d6fc3-69">Wieder mahnt die Vernunft: „Du kannst nicht durch die Stadt, vom Hotel zum Konzert, das ist zu viel, vergiss es, wie willst du unter diesem Stress die Aufführung geniessen?“ Richtig, das funktioniert nicht, aber die Elbphilharmonie hat ein Hotel. Klick, klick, der Cursor flitzt über die Webseiten. Das Atmen fällt mir schwer, mir ist schwindlig, mein Puls rast. Trotzig, mit leichtem Ärger schiebe ich diese Gefühle zur Seite, mir reicht’s, ich habe es so satt, immer diese Einschränkung, ständig eingesperrt sein, nur Sorgen, Angst, Traurigkeit, ich brauche einen schönen Moment, etwas Besonderes. Und wie wahrscheinlich ist es, dass ich so kurzfristig eine Konzertkarte kriege und ein Flugticket zur Ferienzeit, wenn das kein Zeichen ist! Ich aktiviere meine innere Jukebox und ein Lächeln huscht über mein Gesicht, denn Freddy Mercury singt: „Don’t stop me now. I’m having such a good time, I’m having a ball. Don’t stop me now. … Yes, I’m having a good time, I don’t wanna stop at all, yeah!“ Nun schlage ich innerlich Purzelbäume. Ich finde ein freies Zimmer, wieder kommt die Kreditkarte zum Einsatz. Geschafft! Ich sitze mit meinem Notebook in einer Blase und blende alles aus. Es sind nur noch Funktionen aktiv, die ich für die Realisierung dieses Traums brauche. Körper in Ausnahmesituationen fahren alles Unnötige runter, man könnte meinen, ich besteige gerade den Mount Everest. Erschöpft, aber mit einer gewissen Zufriedenheit lehne ich mich auf dem Stuhl zurück, verstehe jedoch gar nicht so recht, was anstrengend war. Noch nicht.</p>



<h2 class="kt-adv-heading1080_a9ddc1-98 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_a9ddc1-98">Böses Erwachen</h2>



<p class="kt-adv-heading1080_85fb6c-46 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_85fb6c-46">Die Buchungsbestätigungen kommen rein, eine nach der anderen, ding, ding, ding. Als ich diese öffne, wird mir schlagartig klar, was ich in den letzten 15 Minuten angestellt habe. Entsetzt lese ich die E-Mails. Easyjet: Hallo Birgit, hier sind die Detailinformationen zur Ihrer Buchung. Elbphilharmonie: Sie haben Ihren Kauf erfolgreich abgeschlossen. Westin Hotel: Ihre Buchung ist jetzt bestätigt.<br>Nein!!! Was habe ich getan?! Die rosa Blase löst sich auf, die Nebelwolke, auf der ich gebettet war, hält mich nicht mehr, ich falle hart auf den Boden der Realität. Unbarmherzig grell, bohren sich die Bestätigungsmails in mein Bewusstsein. Ich habe den Verstand verloren, ich bin völlig irre! Mir wird ganz komisch, alles dreht sich, mein Magen krampft sich zusammen, nun kann sich die Panik doch durchsetzen. Genüsslich kostet sie ihren Sieg aus.</p>



<h2 class="kt-adv-heading1080_61cd8a-6a wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_61cd8a-6a">Sind Jakub Józef Orliński und die Elbphilharmonie das wirklich wert?</h2>



<p class="kt-adv-heading1080_f8461a-8b wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading1080_f8461a-8b">Ich schnappe nach Luft, in meinem Kopf pulsiert es, ich zittere und schwitze. Fassungslos starre ich auf den Screen: Nein, nein, das darf nicht wahrsein, diese Zahlen, das kann nicht stimmen, das ist eine Katastrophe! Welcher Dämon hat mich da geritten?! Mir ist speiübel. Panisch versuche ich, die Zahlen zu überschlagen, wie viel ist das? Mit dieser Angst kann ich mich nicht konzentrieren, ich nehme mein Smartphone und tippe die Beträge ein: Zwei Monatslöhne?! Verdammte Sch… Ich verdiene sehr wenig, entsprechend schnell ist ein Limit erreicht. Noch nie in meinem Leben habe ich mein Konto überzogen und ich werde ganz bestimmt nicht heute damit anfangen. Was ist los mit mir, gestörte Verzweiflungstat, oder wie nennt sich das? Schnell, ich muss meinen Kontostand checken, abzüglich der Fixkosten und diesem spontanen Irrsinn … puh, ganz knapp nicht im Minus. Ich sacke auf dem Stuhl zusammen, Tränen kullern über meine glühenden Wangen, schockiert schüttle ich den Kopf, was habe ich mir dabei gedacht? Ach ja richtig, Verstand mal kurz ausgeschaltet. Sind Jakub Józef Orliński und der grosse Saal der Elbphilharmonie das wirklich wert? Doch ich kann keinen klaren Gedanken fassen, bin wie erstarrt, weil mir plötzlich zwei Dinge klar werden: Mir geht es gar nicht gut, und ich habe in diesem Zustand tatsächlich eine, für mich, sündhaft teure Reise nach Hamburg, mit Konzertbesuch gebucht.</p>



<div class="wp-block-kadence-advancedbtn kb-buttons-wrap kb-btns1080_308c86-17"><a class="kb-button kt-button button kb-btn1080_fe998c-5c kt-btn-size-standard kt-btn-width-type-auto kb-btn-global-fill kt-btn-has-text-true kt-btn-has-svg-false wp-block-kadence-singlebtn" href="https://hochbegabtmithandicap.ch/orpheus-magie-teil2/"><span class="kt-btn-inner-text">Teil 2</span></a></div>
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