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	<title>Regula Mühlemann &#8211; Hochbegabt mit Handicap</title>
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	<description>Leben mit Hochbegabung, PTBS &#38; Hochsensibilität</description>
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		<title>Orpheus‘ Magie in der Elbphilharmonie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Birgit]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Oct 2023 22:05:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Balthasar-Neumann]]></category>
		<category><![CDATA[Elbphilharmonie]]></category>
		<category><![CDATA[Elena Galitskaya]]></category>
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		<category><![CDATA[Klassik]]></category>
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					<description><![CDATA[Teil 5 Das Konzert
Der Blick über die Stadt, die HafenCity und Teile des Hamburger Hafens ist spektakulär. Ich muss mich erst an die Höhe gewöhnen, direkt am raumhohen Fenster zu stehen, ruft meine Akrophobie auf den Plan, doch wenn ich nicht nach unten schaue und ein wenig Abstand halte, kann ich das Panorama entspannt geniessen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="700" height="349" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg" alt="Orpheus' Gesang wirkt magisch auf Tiere_Bild von Videoanimation" class="wp-image-527" style="aspect-ratio:2.005730659025788;width:596px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg 700w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus-300x150.jpg 300w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>
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<div style="height:38px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="kt-adv-heading547_c72c88-85 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_c72c88-85">Teil 5 Das Konzert</h2>



<p class="kt-adv-heading547_4618ab-7c wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_4618ab-7c"><em>Zwischen den Schwingungen der singenden Stimme und dem Pochen des vernehmenden Herzens liegt das Geheimnis des Gesangs.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Khalil Gibran</em></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-large is-resized"><img decoding="async" width="1024" height="782" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity-1024x782.jpg" alt="Zimmer Elbphilharmonie Aussicht auf HafenCity" class="wp-image-176" style="width:285px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity-1024x782.jpg 1024w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity-300x229.jpg 300w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity-768x586.jpg 768w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-HafenCity.jpg 1200w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>
</div>


<p class="kt-adv-heading547_bfa343-73 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_bfa343-73">Der Blick über die Stadt, die HafenCity und Teile des Hamburger Hafens ist spektakulär. Ich muss mich erst an die Höhe gewöhnen, direkt am raumhohen Fenster zu stehen, ruft meine Akrophobie auf den Plan, doch wenn ich nicht nach unten schaue und ein wenig Abstand halte, kann ich das Panorama entspannt geniessen. Es tut gut, endlich allein zu sein. Ich mache rasch ein paar Fotos, die ich an die Lieben daheim schicke, mit einem kurzen Bericht über meine chaotische Liftfahrt. Minutenlang lasse ich meinen Blick übers Wasser und die Stadt schweifen, dann richte ich mich im Zimmer ein. Es kommen begeisterte Rückmeldungen, alle freuen sich, dass ich so ein wunderschönes Zimmer habe und nun hoffentlich die verbleibenden zwei Tage in Hamburg geniessen kann. Frisch geduscht setze ich mich in gemütlichen Sportklamotten aufs Bett und trinke viel Wasser und Tee. Dieser Tag hat mich sehr gefordert, ich bin fix und fertig. Mein Rücken muss in die Horizontale, also liege ich um 19:00 Uhr im Bett und höre noch ein paar Podcastsendungen und Musik, bis mir gegen 20:30 Uhr nach 38 Stunden ohne Schlaf, endgültig die Augen zufallen.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_6dfca7-ad wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_6dfca7-ad">Start in den grossen Tag</h2>



<p class="kt-adv-heading547_405c5c-30 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_405c5c-30">Eigentlich hatte ich vor, morgens etwas länger liegen zu bleiben, damit ich top fit das Konzert erleben kann, aber um 7 Uhr halte ich es nicht mehr aus, eine angenehme Schlafposition zu finden war schwierig. Ich dehne mich eine Viertelstunde lang und stehe dann auf. Mein Bauch beschwert sich lautstark, denn seit 48 Stunden hat er nichts zu Essen gekriegt. Ich mache mir eine Tasse Tee und mein Müsli, setze mich aufs Bett und geniesse dieses lang ersehnte Frühstück, während die Sonne über dem Hafen aufgeht. Jetzt geht’s mir besser, bin nach dem Essen aber wieder ein bisschen schläfrig, der gestrige Tag sitzt mir immer weiterhin in den Knochen. Ich gönne mir nochmals eine Pause, lese und höre Radio, mache mich dann in aller Ruhe fertig, um ein paar Stunden in der Stadt zu verbringen. Das wird eine Herausforderung, mein Puls beschleunigt merklich.<br>Um 14 Uhr komme ich zurück aufs Zimmer. Ich bin erschlagen, es war viel los in der Stadt bei dem schönen Wetter. Ich habe es nach langem Zögern doch noch geschafft, mir ein kleines Mittagessen zu organisieren, eine Piadina mit gegrilltem Gemüse. Diese Stunden ausserhalb des Hotels haben mich Kraft und Nerven gekostet. Bevor ich hoch zum Zimmer bin, habe ich mir noch die Plaza angesehen. Da aber sehr viel los war, bin ich nicht lange geblieben, sondern habe nur eine kleine Runde gedreht. Bis zum Konzert muss ich allein sein, ich brauche Ruhe, um dann hoffentlich in richtig guter Verfassung die konzertante Aufführung von Glucks Orfeo ed Euridice geniessen zu können. In einer Info-Mail der Elbphilharmonie wurde mir zwei Tage zuvor mitgeteilt, dass es mit Thomas Hengelbrock um 19 Uhr ein Einführungsgespräch mit Hintergrundinfos und Anekdoten zum Konzert geben wird. Ich kenne die Oper zwar recht gut, finde es aber oft unterhaltsam und spannend, ein paar Anekdoten vorab zu hören. Meistens kommen nicht so viele Personen zu den Einführungen, so kann ich vielleicht etwas gelassener zu meinem Platz als später im Gewühl, wenn alle Besucher*innen eintreffen, denn das Konzert ist natürlich mittlerweile ausverkauft. Der Plan ist also gegen 18:30 Uhr fertig zu sein, damit ich mich langsam auf den Weg zum grossen Ereignis machen kann.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_8575e6-40 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_8575e6-40">Easy entspannen? Schön wär’s …</h2>



<p class="kt-adv-heading547_dcb1ed-86 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_dcb1ed-86">Nach dem Mittagessen verschicke ich wieder ein paar Nachrichten an Freunde und Familie, die wissen wollen, wie es läuft, und schreibe noch einige dringende E-Mails. Den Rest des Nachmittags möchte ich ganz entspannt verbringen. Ich setze mich aufs Sofa am Fenster und schaue mir das Treiben im Hafen an. Ich lese etwas und höre Musik, bevor ich mit den Vorbereitungen anfange, wie z.B. den bei mir leider i.d.R. vergeblichen Verschönerungsversuchen. Irgendwie hoffe ich wohl trotzdem, dass es einmal etwas bringt. Na ja, durch die steife Hamburger Brise haben meine Locken starke Ähnlichkeit mit einem zerzausten Besen oder einem geplünderten Vogelnest, also dürfte das Haare waschen doch eine minimale optische Verbesserung mit sich bringen. Kurz nach 17 Uhr komme ich aus der Dusche und widme mich wieder meinem Buch mit ein paar schönen Klängen im Hintergrund. Als ich ca. eine Dreiviertelstunde später wieder ins Bad gehe, überfällt mich plötzlich eine Panikattacke, sie kommt aus heiterem Himmel. Ich verstehe nicht, was los ist, wieso passiert das jetzt? Die Attacke ist lang und heftig, ich muss mich im Bad auf den Boden setzen. Verdammt, was soll das? Du freust dich doch auf das Konzert, deshalb bist du hier. Erschöpft stehe ich auf, um mir die Zähne zu putzen, doch als ich, am Waschbecken stehend, kurz in den Spiegel sehe, kommt die Nächste. Alles dreht sich, mir ist übel, ich kriege keine Luft. Mit einem Mal scheint es mir vollkommen unmöglich das Zimmer zu verlassen und in den Konzertsaal zu gehen. Es dominiert nur noch ein Gedanke: So hässlich, wie ich bin, darf ich nicht unter die Leute. Im grossen Saal werden ca. 2100 Besucher*innen sein, natürlich sieht mich nur ein Bruchteil, aber links und rechts von mir, vor und hinter mir werden Leute sitzen, die sind sehr nah, die sehen mich zwangsläufig; dann sind da die Personen, die das Ticket kontrollieren etc. Weinend wird mein ganzer Körper durchgeschüttelt, ich zittere und kauere mich in die hinterste Ecke des Bads. Diese Panikattacke kommt mir endlos vor, ich schnappe immer wieder nach Luft, mein Herz schlägt so stark gegen meine Brust, dass es weh tut. Stark mitgenommen, rapple ich mich wieder auf und verpasse meinem glühenden Gesicht eine Ladung kaltes Wasser. Wie spät ist es?! Habe ich evtl. schon alles verpasst?</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_4aa350-b0 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_4aa350-b0">Ein Notfallplan muss her</h2>



<p class="kt-adv-heading547_9b74ae-ec wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_9b74ae-ec">Ich eile ins Zimmer zu meinem Smartphone, es ist 18:30 Uhr. Mist! Die Einführung kann ich vergessen, bis in 10 Minuten habe ich mich nicht im Griff. Also neues Ziel, bis in einer Stunde muss ich wieder funktionieren. Es kann ja wohl nicht sein, dass ich wegen dieser verfluchten Angsterkrankung all das umsonst auf mich genommen habe! Ich koche vor Wut, meine Selbstverachtung ist in diesem Moment unermesslich gross. Diese Abscheu mir und meinen Unzulänglichkeiten gegenüber ist nur leider nicht hilfreich, wenn es darum geht, meinen Zustand zu verbessern und eine Situation zu schaffen, in der ich in der Lage bin, das Konzert zu besuchen. Ich starre auf die Uhr meines Telefons, plötzlich rennt die Zeit, ich bin massiv unter Druck, was die nächste Panikattacke auslöst. Verzweifelt sitze ich auf dem Bett und warte weinend und zittern darauf, dass sich mein Puls und meine Atmung wieder normalisieren. Ok, denk nach, los streng dich an, was kannst du tun, um das noch hinzukriegen? Mir ist schwindlig, ich kann kaum stehen, inzwischen ist es 19:05 Uhr. Mein Gesicht gleicht einem Leuchtturm, das wird auch meine schwarze Kleidung nicht kaschieren und erfahrungsgemäss dauert es bei mir deutlich länger, als 25 Minuten, bis ich wieder eine halbwegs normale Gesichtsfarbe habe. Das ist so peinlich! Allen Besucher*innen wird empfohlen, 30 Minuten vor Veranstaltungsbeginn auf der Plaza zu sein. Wie schön wäre es jetzt, Harry Potters Tarnumhang zu haben.<br>Ich sitze einige Minuten kraftlos auf dem Bett, überlege angestrengt, wie ich es schaffen soll, zum Konzert zu gehen. Die Vorstellung, auf dem Weg zum Konzert oder dann im Konzertsaal eine Panikattacke zu kriegen bereitet mir grosse Sorgen. Doch allen Zuhause sagen zu müssen, dass meine gestörte Psyche mich daran gehindert hat, das Konzert zu besuchen, ist ebenfalls unvorstellbar. Deprimiert stehe ich auf, es ist 19:17 Uhr, mir bleiben nur noch wenige Minuten, denn zu spät kommen ist absolut keine Option. Ich gebe mir grosse Mühe, mich aufrecht hinzustellen, atme tief ein und wieder aus: So es reicht jetzt, du ziehst das durch, egal wie! Du siehst scheisse aus, na und, das ist nichts Neues, daran solltest du dich langsam gewöhnt haben. Dein Therapeut sagt immer, hier kennt dich kein Mensch und du siehst die alle nie wieder, also kann es dir vollkommen egal sein, ob die sich durch dein Erscheinungsbild gestört fühlen. Jeder stört auf irgendeine Weise, irgendwann, das darfst du auch. So richtig funktioniert diese innere Motivationsrede nicht, weil ich mir kein Wort glaube. Wem versuche ich hier etwas vorzumachen? Aber eines weiss ich, ich habe gestern Blut und Wasser geschwitzt, um diesen Abend miterleben zu können. Ich habe mein Konto geplündert, um das hier möglich zu machen, also bleibt mir gar nichts anderes übrig, als es durchzuziehen.<br>Los, rein in die Klamotten, schnapp dir die Handtasche und beweg deinen Arsch ins Konzert! Wut und Frustration kommen auf, ich schaue wieder auf die Uhr, jetzt muss ich richtig Gas geben, ich bin extrem unter Druck. Zum Konzertsaal ist es nicht weit, aber ich weiss nicht, wie lange ich brauche, bis ich an meinem Platz bin und ich brauche auch noch ein bisschen Zeit, um dort runterzufahren. Da ist er wieder, der altbekannte Schutzmechanismus, ich dissoziiere. Mein Körper führt alle Handlungen aus, während sich meine Seele ausserhalb meines Körpers eine Pause gönnt und diesen so nicht stört. Kurz bevor ich das Zimmer verlasse, brauche ich wieder alle Sinne vereint. Ein letzter Check, habe ich alles, was ich brauche? Ticket, Smartphone, Taschentücher, Schlüsselkarte. Es ist 19:26 Uhr, jetzt aber schnell. An der Tür greift meine stark zitternde Hand nach der Türfalle. Ich horche, ob jemand draussen auf dem Flur ist, höre niemanden und ziehe die Tür auf.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_c7ac76-7f wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_c7ac76-7f">Déjà-vu: Fellini lässt grüssen</h2>



<p class="kt-adv-heading547_5f7a22-a0 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_5f7a22-a0">Mit angehaltenem Atem gehe ich schnell zum Fahrstuhl. Das Treppenhaus habe ich immer noch nicht entdeckt, wäre jetzt aber auch keine gute Alternative. Mit rasendem Puls drücke ich auf die Lifttaste. Nach einem kurzen Moment öffnet sich der mittlere Fahrstuhl. Ein elegant gekleidetes Paar steht drin. Ich warte, dass die beiden aussteigen, da sie von unten kamen. Sie sehen mich erwartungsvoll an. Ich bin verwirrt. „Wir müssen runter, wir haben uns verdrückt“, sagt der Herr. Was?! Nicht schon WIEDER! Ich bin verflucht, Fellinis groteske Situationskomik in Dauerschleife, das Universum hasst mich. Gerade als ich das Gefühl hatte, dass meine Gesichtsfarbe nicht aus einem Kilometer Entfernung als abnormal zu erkennen ist, spüre ich, wie meine Wangen an Temperatur zulegen. Mein Blick wird wässrig, nein, nicht jetzt! Das ist alles schon peinlich genug, los, Haltung und Gelassenheit vorspielen. Die Zeit rennt, ich habe keinen Nerv für Verzögerungen und ich will auch nicht unhöflich sein, indem ich auf den nächsten Fahrstuhl warte. Bei meinem sensationellen Glück sitzen die zwei im Konzert noch neben mir, denn es besteht für mich klein Zweifel, in dem Outfit, ohne Jacken und Mäntel, haben sie dasselbe Ziel wie ich. Also bin ich gezwungen, einzusteigen. Ich versuche, tief einzuatmen, strecke meinen Rücken durch, schreite in den Lift und ergebe mich meinem Schicksal. Unten angekommen, eile ich zur Drehtür, doch diesmal ist sie nicht offen, wie tagsüber. An ihr klebt ein Schild, man solle nur leicht drücken, was ich tue, doch sie bewegt sich keinen Meter. Die zwei aus dem Fahrstuhl sind jetzt hinter mir angekommen. Ich höre den Herrn sagen: „Ich glaube, sie müssen fest drücken. Ich würde Ihnen ja gerne helfen, aber das ist hier etwas schwierig.“ Grossartig, nächste Peinlichkeit, ich habe einen Lauf, die höheren Mächte verhöhnen mich wieder. Lacht nur, ihr Grausamen! Ich bin fest entschlossen, mir diesen Abend nicht mehr vermiesen zu lassen. Ich stemme mich gegen die Drehtür und siehe da, sie bewegt sich. Geschafft, was kommt als Nächstes?</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-full is-resized"><img decoding="async" width="710" height="900" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Treppe-grosser-Saal.jpg" alt="Elbphilharmonie Treppe zum grossen Saal" class="wp-image-529" style="width:199px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Treppe-grosser-Saal.jpg 710w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Treppe-grosser-Saal-237x300.jpg 237w" sizes="(max-width: 710px) 100vw, 710px" /></figure>
</div>


<p class="kt-adv-heading547_477335-e6 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_477335-e6">Mit flotten Schritten gehe ich auf die Treppe zum grossen Saal zu. Es sind schon viele Leute unterwegs, ich versuche, mich ausschliesslich auf die Treppenstufen zu konzentrieren. Oben angekommen, steht Personal, das die Tickets kontrolliert. Ich frage nach der Richtung zu meinem Platz. „Hier links die Treppe rauf. Sie müssen zur 15. Etage“, sagt mir die junge Dame. „Dankeschön.“ Ich erklimme die erste Treppe, um mich herum gibt es immer mehr Leute, ich brauche etwas, auf das ich mich konzentrieren kann. Ein flüchtiger Blick nach vorne, oh da, perfekt! Kurz vor mir kämpft sich eine Gruppe junger Damen in viel zu hohen Schuhen die Treppe rauf. Sie tragen alle superkitschige Glitzerkleider in intensiven Farben, Rot, Royalblau, Pink. Ich muss unweigerlich an Diskokugeln denken, ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Sie tun mir ein bisschen leid, haben sich extra so chic gemacht – na ja, chic im klassischen Sinne ist vielleicht nicht der passende Ausdruck – sie haben sich aufgehübscht für diesen Anlass und wollten wohl auch auffallen, was ihnen, in dem Aufzug, definitiv gelingt. Doch die Schuhe haben sie nicht im Griff, oder die Treppe, je nachdem, die Kleider sind teilweise einfach zu eng und zu lang für die Stufen. Zwei der Mädels krallen sich mit ihren Kunstnägeln am Geländer fest, um so ihr Ziel zu erreichen. Ich überlege ganz kurz, ihnen zu sagen, das Sneaker zum Abendkleid, sehr stylisch aussehen können, aber das wäre ja vergeblich, sie haben in ihren kleinen Taschen offensichtlich keine dabei. Ich muss aber zugeben, dass man sich seinen Platz hier verdienen muss, es geht zahlreiche Treppen nach oben und ich bin froh, dass ich das nicht in Stilettos und Mermaid Dress tun muss.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_e74f48-ce wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_e74f48-ce">Ziel erreicht</h2>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="525" height="700" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-Buehne.jpg" alt="Elbphilharmonie grosser Saal Sicht auf Bühne" class="wp-image-528" style="width:203px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-Buehne.jpg 525w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Sicht-auf-Buehne-225x300.jpg 225w" sizes="auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px" /></figure>
</div>


<p class="kt-adv-heading547_e1aef4-66 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_e1aef4-66">Endlich stehe ich vor meinem Eingang und komme zu meinem Platz, ohne mich zwischen anderen Besucherinnen durchquetschen zu müssen. Gut, ich bin hier, ich habe es geschafft. Ich lehne mich an meinen Platz und atme durch. Ich bin die Erste in meiner Reihe, sogar in diesem Block, so kann ich schnell ein paar Fotos machen für die Freundinnen, die auf den nächsten Bericht warten. Ich habe gute Sicht auf die Bühne, obwohl ich schon ziemlich weit oben bin, aber ja immer noch in der ersten Kategorie. Kurz nach mir kommt ein Hamburger Paar, das sich links von mir setzt. Sie scheinen auch das erste Mal hier zu sein, wir sprechen ein paar Sätze miteinander, aber langsam wächst meine Spannung und Vorfreude, ich möchte, dass es endlich losgeht, ich brauche dieses Highlight, das ich mir so hart erkämpft habe. Der Saal füllt sich immer mehr und ich jetzt wäre Musik nötig, um es auszuhalten, unter all diesen Leuten zu sitzen. Die Musikerinnen begeben sich auf ihre Plätze. Hochkonzentriert beobachte ich, was unten bei der Bühne passiert. Es geht los, Thomas Hengelbrock betritt den Saal, mit kerzengeradem Rücken, die Bühne fixierend, klatsche ich und kann den ersten Ton kaum erwarten. Wie wird das in diesem berühmten, viel gelobten Saal klingen?</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_07527a-14 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_07527a-14">Auf ins herrliche Reich der Musik</h2>



<p class="kt-adv-heading547_97967e-fb wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_97967e-fb">Das Balthasar-Neumann-Orchester spielt die mir so vertraute Sinfonia, welche Glucks Oper einleitet. Gespannt halte ich den Atem an, ich spüre, wie meine Arme und Beine vor Freude zittern, während die noch fröhlichen Klänge sich augenblicklich im ganzen Saal verteilen, von allen Seiten auf mich zu tanzen und mich in eine andere Welt entführen. Die Töne der Streichinstrumente heben mich hoch, mein Körper fühlt sich leicht an, wiegt sachte im Takt, während die Musik in ihn eindringt und sich von Kopf bis Fuss ausbreitet, jede Zelle stimuliert. Mir ist warm und kalt zugleich, an Armen und Beinen kitzelt mich die Gänsehaut. Die Sänger<em>innen des Chors haben sich über die ganze Bühne verteilt und das wild durcheinander, nicht wie sonst, nach Stimmlage sortiert. Da stehen Sopranistinnen neben Tenören, ich bin begeistert, das ist grossartig, so wird man erst recht jede einzelne Stimme der Chorsänger</em>innen heraushören. Ich rutsche ganz vor an die Stuhlkante, um meine Konzentration noch mehr zu erhöhen. Eine Tänzerin und Orfeo sind ebenfalls auf der Bühne, das bekannte musikalische Thema erklingt. Der Chor setzt ein: „Ah! se intorno a quest’urna funesta.“ Ein Schauer läuft mir über den Rücken, die Stimmen der Sänger*innen in diesem Saal, das ist überwältigend. Ich kann die Spannung kaum noch aushalten, denn ich weiss, nach dem ersten kurzen Satz des Chors, wird sofort die Stimme Jakub Józef Orlińskis erklingen, Orfeo wird den Namen seiner toten Frau Euridice klagend rufen.<br>Die Sage erzählt, die Musik von Orpheus, seine Lyra und seine Stimme, seien magisch gewesen, kein Lebewesen konnte sich dem entziehen, sogar Steine zerbrachen, wenn sie die Musik hörten.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_60b5cf-37 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_60b5cf-37">Die magische Stimme erklingt</h2>



<p class="kt-adv-heading547_5204b1-92 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_5204b1-92">Musik ist für mich immer in irgendeiner Weise magisch, und so verzaubert mich dieses erste „Euridice!“, das Orfeo, in tiefer Trauer, von sich gibt, sofort. Orlińskis Stimme in diesem Saal, mit diesem Chor und diesem Orchester ist grandios, wie sie sich gegenseitig tragen, ineinander verschmelzen, berauscht mich. Die Töne fliessen, wie ein Lavastrom, durch meinen Körper, wohltuend und schmerzend zugleich. Jakub Józef Orliński setzt zur ersten grossen Arie Orfeos an, „Chiamo il mio ben cosi“. Leise tröpfeln ein paar Tränen über meine Wangen. Die schöne Sopranstimme Elena Galitskayas trällert von einem der oberen Stockwerke. Sehr lebhaft macht sie, als Amor, Orpheus ein verlockendes Angebot, die Götter haben sich von seinen Klageliedern ebenso berühren lassen, wie ich. Der Chor ist überzeugt, mit seiner einzigartigen Tonkunst, seiner unvergleichlichen Stimme und seiner tiefen Liebe zu Euridice, kann er nur ein Gott sein. Orfeo, auf dem Weg zu seiner Geliebten, bezirzt mit seinem Gesang die Furien. Wir sind schon bei der nächsten herrlichen Arie angekommen: „Deh! Placatevi con me.“ Mein Herz schwimmt auf einem Wildwasserstrom, es wird furios über die Wellen befördert, hüpft von einer Stromschnelle zur nächsten, freut sich über die Wasserspritzer, die der polnische Countertenor ihm verpasst, wenn er, in hinreissenden Koloraturen, „il mio barbaro dolor“ singt. Der Chor packt mich mit „Ah! quale incognito“. Es bringt meinen Atem zum stehen, das Crescendo rollt wild über mich hinweg, die Stimmen kreisen mich ein, werfen mich in die Luft, lassen mich aus schwindelerregender Höhe schnell nach unten fallen, wie auf einer Achterbahn. Mein Puls rast, doch schon werden die sanften Töne des „Ballo d’eroi ed eroine“ angeschlagen. Streicher- und Bläserklänge tanzen so bezaubernd im Elysium, dass meine Lippen nicht anders können, als verzückt zu lächeln. Mein Torso wiegt sich im Takt von Orfeos wundervollen Beschreibungen dieses himmlischen Ortes. Die Musik lässt die Vögel zwitschern, die Bäche murmeln und die Winde säuseln und trägt mich durch den ganzen Konzertsaal. Thomas Hengelbrock lässt sein Orchester eine wunderschöne Szenerie beschreiben, hell, bunt, freundlich, alle tanzen und sind glücklich.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_35bb49-44 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_35bb49-44">Poltergeister in Abendgarderobe</h2>



<p class="kt-adv-heading547_402079-b4 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_402079-b4">Zwei Weibsbilder in Stöckelschuhen trampeln zum zweiten Mal quer über die oberste Ebene, wieder zu ihrem Platz, den sie kurz vorher gewechselt haben. Es macht einen Höllenlärm und ich bin masslos verärgert und entsetzt über dieses rücksichtslose Verhalten. Perlen vor die Säue, wenn sie auf den Laufsteg wollen, sollen sie woanders hingehen! Ich verstehe nicht, dass die Aufsichtspersonen die beiden nicht davon abhalten, zum wiederholten Mal quer über die Etage zu trampeln. Warum geht man zu einem Konzert, wenn man nicht zuhören möchte? Da spielt ein tolles Orchester und es singen grossartige Sänger*innen, teilen ihre aussergewöhnlichen Fähigkeiten und ihre Leidenschaft mit uns und diese Tussis haben nichts Besseres zu tun als das Parkett in einem fabelhaften Konzertsaal zu ruinieren. Am liebsten würde ich die beiden an ihren schlecht blondierten Haaren rausschleifen, bei so etwas werde ich zur Furie. Andere Leute würden sonst etwas dafür geben, dieses Konzert miterleben zu dürfen.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_30c369-24 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_30c369-24">Die liebliche Stimme Euridices besänftigt mich</h2>



<p class="kt-adv-heading547_e5d121-26 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_e5d121-26">Orfeo hat seine Geliebte entdeckt. Euridice hat ihren grossen Auftritt und ich schlucke meinen Ärger runter und konzentriere mich wieder voll und ganz auf die Musik. Regula Mühlemann kann uns nun mit ihrer hellen, glanzvollen Stimme beglücken. Glänzend ist auch ihre Erscheinung, das Kleid mit Goldakzenten glitzert im Licht der Scheinwerfer. Ich muss unweigerlich lächeln bei diesem Anblick, denn Regula Mühemanns Robe passt perfekt zu ihrer Stimme, die sich in diesem herrlichen Konzertsaal wie schimmernde Perlenketten um die Balustraden der einzelnen Ränge legt. Über mehrere Szenen wird Euridice an der Liebe Orfeos zweifeln, sie wird ihr Herzblatt mit schillernden Koloraturen anflehen, sich ihr zuzuwenden. Ich fiebere mit dem Schicksal der beiden Liebenden mit, die Musik wechselt immer wieder, mein Herz hüpft, stolpert, hastet, mein Körper ist übersät von Gänsehaut, die Gefühle fliessen in heftigen Kaskaden von oben nach unten, von rechts nach links, das ist so aufregend! Wir nähern uns in schnellem Tempo der einen Arie, auf die bestimmt alle hier warten, die Arie, die alle mit dieser Oper verbinden, die schon einmal von ihr gehört haben. Orfeo konnte dem Flehen Euridices nicht länger standhalten und drehte sich um. Seine grosse Liebe stirbt erneut. </p>



<div class="wp-block-kadence-image kb-image547_eca6da-09"><figure class="alignright size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="900" height="600" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Che-faro.jpg" alt="Noten Arie_Che farò senza Euridice_liegen auf Seiten eines Flügels" class="kb-img wp-image-526" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Che-faro.jpg 900w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Che-faro-300x200.jpg 300w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Che-faro-768x512.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></figure></div>



<p class="kt-adv-heading547_9f7048-2e wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_9f7048-2e">Und da ist es, Jakub Józef Orliński sagt die letzten beiden Worte, die vor diesem weltberühmten Klagelied stehen: „Son disperato!“ Ich setze mich aufrecht auf meinem Sitz hin, gebannt fixiere ich den jungen Countertenor und platze fast vor Nervosität, mein Herz ist vollkommen aus dem Rhythmus. Wie hält er selbst das nur aus, wie machen das all die Musiker<em>innen und Sänger</em>innen? Ich meine im ganzen Saal eine grosse Spannung zu spüren, da erklingt der erste Ton dieser bewegenden Arie. Mir wird schwindlig, so aufgeregt bin ich. Im 6. Takt wird Orlińskis atemberaubend schöne Stimme mit den magischen Worten „Che farò senza Euridice“ einsetzen. Als sein schmelzend warmer, betörender, voller Klang mit einem, über 1,5 Takte gehendes „Rispondi“ den Konzertsaal erfüllt, öffnen sich bei mir alle Schleusen. Tränen fliessen über mein Gesicht, Herzschlag und Atmung setzen aus, mein Herz schiesst einen stechenden Schmerz entlang meines linken Arms bis in die Spitze des Zeigefingers, meine Seele droht in einem glühenden Feuerstrom zu ertrinken. Was andere vielleicht als Beschreibung eines elenden Zustandes empfinden würden, ist in diesem Moment für mich das grösste Glück. Dieses Klangerlebnis fesselt jede einzelne meiner Zellen, nimmt erbarmungslos meine Seele und mein Herz gefangen, berauscht meine Sinne, bannt meine Emotionen. Diese konzertant aufgeführte Oper mit ihren eindrucksvollen Akteur*innen, in diesem grossartigen Konzertsaal, erregt mich bis in die letzte Haarspitze und erfüllt mich mit so tiefer Ehrfurcht und Dankbarkeit, dass ich meine oftmals kleine, dunkle, traurige Welt vollkommen vergesse. Musik, die ich live erleben darf, kann dies am besten.</p>



<h2 class="kt-adv-heading547_9d042c-b3 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_9d042c-b3">Ende gut, alles gut</h2>



<p class="kt-adv-heading547_fd164c-10 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_fd164c-10">Das grosse Finale mit Happy End klingt an. Alle sind fröhlich, der Chor preist Amor. Die eher kurze Oper ist zu Ende. Ich bin etwas ausser Atem, die Achterbahn der Gefühle und das intensive physische Erlebnis sind jedes Mal etwas ganz besonderes, fordern mich aber auch sehr. Fasziniert und immer noch gefesselt vom Klang und der Atmosphäre, die die Musiker<em>innen und Sänger</em>innen geschaffen haben, blicke ich ein bisschen wehmütig zur Bühne. Schade, dass es schon vorbei ist. Ergriffen und unendlich dankbar applaudiere ich leidenschaftlich. Meine Begeisterung möchte mich aufspringen lassen, doch ich scheine den norddeutschen Block erwischt zu haben. Alle um mich herum klatschen, aber weder Jubelrufe, noch Trampeln, oder Standing Ovations zeigen sich hier um mich herum. Ich bin hin und her gerissen, möchte meiner Freude und meinem Respekt für die dargebotene Leistung Ausdruck verleihen, indem ich stehend bravo rufe, doch meine panische Angst auffallen zu können, bremst mich aus. In mir brennt ein heisses Feuer, doch umgeben von kühlen Köpfen, zügle ich, stark bedauernd, mein Temperament und mein Bedürfnis, meinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Also klatsche ich so fest und laut ich kann, mit höher erhobenen Händen und lasse meine Füsse vorsichtig auf dem Parkett trippeln, um wenigstens so meiner Verzückung Raum geben zu können. Ein paar Tränen bahnen sich wieder ihren Weg über meine erhitzten Wangen.<br>Es war verrückt und schliesslich auch ein ziemlicher Kampf, um hierher zu kommen und diese musikalische Darbietung miterleben zu können, aber ich bin glücklich und dankbar, dass ich es gewagt, mich irgendwie bis hierhin durchgeschlagen habe. Was für ein Geschenk, ein grosses Privileg, so etwas, an so einem schönen Ort, sehen und hören zu dürfen.</p>



<p class="kt-adv-heading547_8b7883-ac wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading547_8b7883-ac">Ich danke allen Beteiligten aus tiefstem Herzen, für dieses unvergesslich schöne musikalisch magische Erlebnis!<br>Danke Jakub Józef Orliński, Regula Mühlemann, Elena Galitskaya, Thomas Hengelbrock und danke dem Balthasar-Neumann-Chor und Balthasar-Neumann-Orchester! Danke euch allen, die ihr mich ermutigt habt, es zu wagen, es wirklich durchzuziehen und dass ihr mitgefiebert und euch für mich gefreut habt. Merci viu, viu mau!</p>
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		<title>Orpheus‘ Magie in der Elbphilharmonie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Birgit]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Oct 2023 22:02:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Elbphilharmonie]]></category>
		<category><![CDATA[Jakub Józef Orliński]]></category>
		<category><![CDATA[Klassik]]></category>
		<category><![CDATA[Konzert]]></category>
		<category><![CDATA[Regula Mühlemann]]></category>
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					<description><![CDATA[Teil 4 Talfahrt zum Zimmer mit Aussicht
Am frühen Nachmittag kehre ich erschöpft zum Hotel zurück. Ich hoffe, dort irgendwo in Ruhe auf mein Zimmer warten zu können. In der Lobby ist deutlich mehr los als am Morgen, ein stilles Plätzchen zu finden dürfte schwierig werden. Ich schleiche mich an ein paar Plakataufstellern vorbei zu einem Sessel, schaue mich fragend um, weiss nicht recht, ob ich mich dort hinsetzen darf.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="349" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg" alt="Orpheus' Gesang wirkt magisch auf Tiere_Bild von Videoanimation" class="wp-image-527" style="aspect-ratio:2.005730659025788;width:598px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus.jpg 700w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Orpheus-300x150.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>
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<div style="height:38px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="kt-adv-heading544_8a1232-5d wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_8a1232-5d">Teil 4 Talfahrt zum Zimmer mit Aussicht</h2>



<p class="kt-adv-heading544_f5b90c-12 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_f5b90c-12"><em>Was für eine Komödie wäre diese Welt, wenn man nicht selber eine Rolle darin spielen müsste.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Denis Diderot</em></p>



<p class="kt-adv-heading544_01e485-bf wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_01e485-bf">Am frühen Nachmittag kehre ich erschöpft zum Hotel zurück. Ich hoffe, dort irgendwo in Ruhe auf mein Zimmer warten zu können. In der Lobby ist deutlich mehr los als am Morgen, ein stilles Plätzchen zu finden dürfte schwierig werden. Ich schleiche mich an ein paar Plakataufstellern vorbei zu einem Sessel, schaue mich fragend um, weiss nicht recht, ob ich mich dort hinsetzen darf. Ich habe offiziell schon eingecheckt, also bin ich bereits Gast des Hotels, oder? Bezahlt habe ich alles, sachte setze ich mich auf die Kante des Sessels, doch keine Minute später stehe ich wieder auf. Diese Sitzgelegenheit ist entsetzlich unbequem, viel zu weich! Mein Rücken schmerzt von der extremen Anspannung, mein Workout musste ich heute, wegen der frühen Abfahrt, auch ausfallen lassen, da geht so ein Sessel gar nicht. Etwas weiter hinten am Fenster, dicht an der Rezeption stehen Ohrensessel, die scheinen meinen Bedürfnissen eher entgegenzukommen, zumal man sich in ihnen besser verstecken kann. Wie komme ich da unauffällig hin? In einem absurden Slalom gehe ich um die einzelnen Sitzgelegenheiten herum, um direkten Kontakt zu Plätzen zu vermeiden, auf dem bereits Leute sitzen, damit mich keiner sieht. Natürlich glühen meine Wangen jetzt wieder, warum kann ich nicht unsichtbar sein?! Am Ohrensessel direkt am Fenster angekommen, lege ich erleichtert meinen Rucksack ab. Oh ja, dieses Polstermöbel ist viel besser, müde lehne ich mich zurück und schaue auf mein Smartphone, 14:05 Uhr. Jetzt dauert es hoffentlich nicht mehr lange, bis mein Zimmer fertig ist. Ich rutsche noch ein paarmal auf dem Sessel hin und her, bis ich eine Sitzposition finde, von der ich glaube, dass sie die geringste Sichtbarkeit bietet. Ich muss meinen Ohren eine Pause von den In-Ear Kopfhörern gönnen und irgendwie ohne Musik auskommen, also versuche ich mich auf mein Buch zu konzentrieren, doch die Müdigkeit macht es mir nicht leicht. Immer wieder prüfe ich die Zeit, die einfach nicht vergehen will.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_44b906-89 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_44b906-89">Die Chance auf einen früheren Check-in?</h2>



<p class="kt-adv-heading544_757f33-cb wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_757f33-cb">Plötzlich höre ich hinter mir eine Frauenstimme eine Frage stellen, die mir ebenfalls auf der Seele brennt: „Hallo, ich wollte fragen, ob mein Zimmer vielleicht schon fertig ist?“ Eine Leidensgenossin, ich bin gespannt auf die Antwort und beuge mich sachte Richtung Rezeption, schiele an der Sessellehne vorbei und sehe zwei Damen an der Rezeption stehen. Hm, von hinten sieht die eine Regula Mühlemann ähnlich. Die andere Dame dreht ihren Kopf in Richtung der ersten, es ist Elena Galitskaya. Die Rezeptionistin sagt: „Ich schau gleich mal nach. Wie ist Ihr Name?“ „Mühlemann“. Nervös ziehe ich mich wieder in meinen Sessel zurück, fühle mich irgendwie ertappt. Doch dann huscht ein Lächeln über mein Gesicht, ich muss an die Oper denken, deshalb bin ich ja hier und es ist schön, zu wissen, dass Euridice und Amor auch eingetroffen sind. „Ja, Frau Mühlemann, ihr Zimmer ist fertig.“ Da auch ich sehnsüchtig auf diesen Satz warte, kann ich das nicht überhören. Euridice freut sich und drückt Amor die Daumen für dessen Zimmer. Es ist 14:22 Uhr, gut eine halbe Stunde früher aufs Zimmer zu können, ist nicht ungewöhnlich, soll ich auch fragen? Bei dem Gedanken spüre ich ein starkes Ziehen in der Magengegend. Mir wurde gesagt, sie rufen mich an, aber das sagen sie bestimmt allen Gästen. Ich bin hin und her gerissen, habe grosse Angst an die Rezeption zu gehen und zu fragen, andererseits ist die Erschöpfung kaum noch auszuhalten, ich möchte so gerne auf mein Zimmer. Zwölf Minuten lang überlege ich, bis ich schliesslich meinen ganzen Mut zusammennehme und auf wackligen Beinen zum Tresen tripple. Mein Herz rast, das Atmen fällt schwer. Die Rezeptionistin, die Regula Mühlemann bedient hat, ist besetzt, ihre Kollegin neben ihr schaut mich recht grimmig an. Ich versuche, den dicken Kloss in meinem Hals runter zu schlucken und frage leise, ob evtl. mein Zimmer schon fertig sei? Ich verschränke meine Arme vor meinen Bauch, um das Zittern zu verbergen, meine Hände sind zu Fäusten verkrampft. Die Dame sieht nach, aber ich habe nicht so viel Glück wie die Sopranistin. Gereizt sagt sie mir: „Sie sind etwas früh, Check-in ist offiziell um 16 Uhr.“ „Oh, das tut mir leid, auf meiner Reservationsbestätigung steht 15 Uhr“, entgegne ich verunsichert. „Entschuldigen Sie“, schicke ich schnell hinterher und will mich schon wieder zum Ohrensessel zurückziehen, als sie sagt: „Ich kann Ihnen einen Getränkegutschein für die Bar geben, dann können Sie dort warten“ und schiebt mir eine Karte über den Tresen. Entsetzt starre ich den Gutschein an. Sie meint es ja gut, aber das ist für mich tatsächlich noch schlimmer als in der Lobby zu warten, alleine in die Bar gehen, eine grauenvolle Vorstellung. Doch den Gutschein abzulehnen, wäre sehr unhöflich. Die Rezeptionistin sieht mich erwartungsvoll an, so nach dem Motto: Immer noch nicht zufrieden?! „Das ist sehr nett von Ihnen, vielen Dank.“ Ich hoffe, dass sie nicht bemerkt, wie meine Hand zittert, als ich den Gutschein nehme.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_83d284-37 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_83d284-37">Tea time im Aquarium</h2>



<p class="kt-adv-heading544_ff93f0-11 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_ff93f0-11">„Die Bar ist gleich hier um die Ecke“. Hoffentlich ist dort um die Ecke auch ein Platz, wo ich mich so lange verstecken kann, bis sie mich anrufen und ich nicht in die Bar muss. In meinem Kopf rauscht es wieder wie verrückt, die Ohren klingeln, mir ist schwindlig, mein Kopf fühlt sich an, als hätte ich 40° Fieber, ich spüre, wie Tränen aufsteigen, die ich vehement runterschlucke. Verzweifelt schleppe ich mich um die Ecke, während ich hilflos den Gutschein anstarre, als ich beinahe in Regula Mühlemann stolpere, die just im selben Moment wie ich, dynamisch von der anderen Seite um die Ecke kommt. Ach herrje, das hätte gerade noch gefehlt, dass ich der Prima Donna des morgigen Abends auf die Füsse trete. Erschrocken drücke ich mich schnell an die Wand und schiebe mich mit einem entschuldigenden Lächeln und einem kaum hörbaren Berndeutschen „ägsgüse“ an der Sängerin vorbei. Regula Mühlemann erwidert mein Lächeln und geht, glücklicherweise unbeschadet, Richtung Lobby. Vollkommen erledigt, bleibe ich stehen, dieser Tag ist so anstrengend. Nein, hier gibt es kein Versteck, ich stehe in einem eher schmalen Gang, geradeaus der Eingang zur Bar, wo ein unfreundlich wirkender Herr mich und meinen Gutschein abschätzig betrachtet. Ich sitze in der Falle, wenn ich umdrehe, gerate ich zwangsläufig wieder ins Blickfeld der angesäuerten Rezeptionsdame, gehe ich in die Bar, bin ich den demütigenden Blicken dieses Kellners ausgesetzt. „Help! I need somebody!… Help me if you can, I’m feeling down. … Help me get my feet back on the ground.“ … Wenn ich keine Musik auf den Ohren haben kann, aber wegen einer unbekannten Umgebung auch gezwungen bin, nicht zu stark zu dissoziieren, dann springt meine innere Jukebox an. Mit dem Beatles Hit in meinem Kopf gehe ich langsam ein paar Schritte weiter in Richtung Bar. Je näher ich dem wartenden Herrn komme, umso unfreundlicher wirkt er auf mich, er ist definitiv nicht begeistert mich oder den Gutschein zu sehen. Mozarts Tamino löst die Beatles ab „Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sonst bin ich verloren, der listigen Schlange zum Opfer erkoren.“ Die ersten schnellen, bedrohlichen Takte dieser Arie schnüren sich um meinen Brustkorb. Mit gesenktem Blick kämpfe ich mich weiter vor, Tamino fleht: „Ach rettet mich! Ach schützet mich!“ „Sie wollen den Gutschein einlösen?“ Ich könnte schwören, er hätte leise ein verächtliches Schnauben von sich gegeben. „Man sagte mir an der Rezeption, ich solle hier auf mein Zimmer warten“, gebe ich ihm zurückhaltend zur Antwort, muss aber zugeben, dass seine arrogante Art mir etwas missfällt. Die Idee mit dem Gutschein ist ja nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich gebe mir grosse Mühe, mich aufrecht hinzustellen und mir meine Angst und Scham nicht anmerken zu lassen, was aber sicher nicht zu übersehen ist, wenn mein Gesicht so aussieht, wie es sich anfühlt. „Folgen Sie mir.“ Der Kellner führt mich zu einem Zweiertisch direkt zwischen Theke und Fenster zur Plazaterrasse. Immer wenn ich denke, es kann nicht noch schlimmer werden. … Hier hat man ungefähr so viel Ruhe und Privatsphäre, wie zur Rushhour am Hauptbahnhof. Ich würde am liebsten weinend und schreiend davonrennen, setze mich aber mit der, in diesem Moment, grösstmöglichen Eleganz und Gelassenheit an den Tisch. Ich spüre die Blicke eines zweiten Herrn in meinem Rücken. Er steht an der Theke und räumt Gläser ins Regal. Kellner Nr. 1 glotzt mich fragend an. „Ich hätte gerne einen Pfefferminztee“, sage ich betont freundlich. Er rauscht ab. Ich komme mir vor, wie ein Tier im Zoo. Die Leute, die draussen herumlaufen, schauen natürlich auch immer wieder in die Bar. Man sitzt hier regelrecht auf dem Präsentierteller, für mich ein Horrorszenario. Ich muss mich ablenken und hole mein Smartphone raus. Einige Freundinnen und meine Mutter haben Nachrichten geschickt: Bist du schon auf dem Zimmer? Wie läuft es? Schon Fotos gemacht? Während ich meinen Tee trinke, bringe ich alle auf den neusten Stand.<br>Plötzlich ein Anruf, eine deutsche Nummer, zitternd nehme ich an, telefonieren mit Fremden löst bei mir immer Panik aus. „Hallo, ich wollte Bescheid sagen, dass Ihr Zimmer fertig ist.“ „Grossartig, ich komme; vielen Dank für Ihren Anruf!“</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_0d9d20-3a wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_0d9d20-3a">Ein lebhafter Sprechbariton kitzelt meine Synapsen</h2>



<p class="kt-adv-heading544_af0247-45 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_af0247-45">Endlich, ich schaue auf die Uhr, 15:24 Uhr. Ich trinke den Tee aus und mache mich auf den Weg. Wieder eine Nachricht meiner Mutter, die kommt mir ganz gelegen, so kann ich mich kurz und knapp von dem mürrischen Kellner verabschieden. Eine Nachricht tippend, gehe ich Richtung Rezeption. Meinen Blick auf das Display gerichtet, sehe ich im Augenwinkel, dass Personen vor mir bei der Rezeption warten. Ich bleibe in gebührendem Abstand stehen und schreibe weiter, die frohe Nachricht interessiert alle. Ich höre zwei Männerstimmen vor mir, sie sprechen eine slawische Sprache. Ich finde Sprachen total spannend, kann aber leider keine slawische Sprache. Es spricht vor allem einer und dies sehr lebhaft. Mein Gehirn lechzt nach einer Aufgabe, die Spass macht und mich dadurch entspannt, den ganzen Tag nur Krisenbewältigung, das gefällt ihm nicht, also versucht die eine Hälfte zu erraten, welche Sprache es ist, während sich die andere auf die Textnachrichten konzentriert. Nach und nach kommt ein Gefühl der Vertrautheit auf, warum? Nur so ein flüchtiger Gedanke? Ich verstehe ja kein Wort, ist es diese Sprechstimme, die ich höre? Welche Sprache könnte das sein? Im Augenwinkel sehe ich die Schuhe und unteren Hosenbeine der Herren vor mir und da blitzt etwas Gelbes auf, während ich die letzten Worte tippe. Die Farbe weckt ebenfalls meine Neugier, ich schaue nochmals hin und sehe einen gelben Kabinentrolley. Ich muss schmunzeln, das ist wohl jemand, der viel reist und keine Lust hat ständig seinen Koffer unter all den anderen Schwarzen, Blauen und Grauen zu suchen; in der Farbe hat man das passende Gepäckstück schnell gefunden. Hm, Russisch ist es nicht, das klingt anders? Tschechisch? Nein, das habe ich auch anders im Ohr, aber ich höre nicht oft slawische Sprachen. Polnisch oder Ukrainisch vielleicht? „Senden“, die letzte Nachricht ist raus, da kriege ich plötzlich einen riesigen Schreck. Mir dämmert es, woher dieses vertraute Gefühl kommt. Ich glaube, das ist eine Stimme, die ich schon in Interviews gehört habe. Mein Puls beschleunigt rasant, ich halte den Atem an und schiele ganz vorsichtig nach vorne. Der schweigende Herr steht mit dem Rücken zu mir, doch der Zweite ist ihm seitlich zugewandt. Ich weiche einen Schritt zurück; trotz Sonnenbrille und Mütze bin ich mir zu 99% sicher, da steht, knapp 2m vor mir, Jakub Józef Orliński. Ich rücke noch ein bisschen weiter zurück. Das würde mir zu meinem Glück noch fehlen, dass ich, wo ich bei Regula Mühlemann glimpflich davon gekommen bin, nun den Primo Uomo anremple. Am besten bewege ich mich jetzt nicht mehr, ich erstarre zur Salzsäule und versuche unter höchster Anspannung, meine wackligen Beine und die aufkommende Übelkeit unter Kontrolle zu kriegen. Super, jetzt ist es noch schwieriger, an die Rezeption zu gehen und die Schlüsselkarte entgegenzunehmen. Die beiden Herren sind an der Reihe, gehen zum Tresen und der Gesprächige nennt seinen Namen: „Orliński“. In Zeitlupe schliesse ich zur Wartelinie auf, als müsste ich auf Eiern gehen. Die Rezeption hat sich gerade in ein Minenfeld verwandelt, angestrengt überlege ich, wie ich an den zwei Männern vorbei komme, ohne sie oder ihr Gepäck auch nur ansatzweise zu touchieren, falls ich dran bin, bevor sie fertig sind. Die freundliche Rezeptionistin auf der linken Seite wird frei und lächelt mir entgegen. Na schön, jetzt gaaaanz vorsichtig. Ich bin keine tollpatschige Person, ganz im Gegenteil, aber total übermüdet, erschöpft und ständig kurz vor einer Panikattacke, steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Missgeschick auch bei mir massiv an. Ich presse meine Arme fest an meinen Körper, halte den Atem an, gehe so weit wie möglich an die seitliche Abgrenzung, um den grössten Abstand zum Rezeptionstresen zu haben, und gleite sachte hinter dem polnischen Countertenor und seinem Begleiter vorbei zur Rezeptionistin auf der anderen Seite. Dort angekommen hole ich erst einmal tief Luft. Geschafft, fürs Erste, wirklich runterkommen werde ich erst, wenn ich im Zimmer angekommen bin. „Sie haben mir Bescheid gegeben, dass mein Zimmer fertig ist“, hauche ich noch etwas ausser Puste von der Drahtseilnummer. „Ja, das hier ist Ihre Schlüssekarte. Sie sind das erste Mal bei uns?“ „Ja!“ „Gut, also dann erkläre ich Ihnen kurz wo alles ist.“ Sie zeigt mir einen Plan auf dem Frühstücksraum, Spa-Bereich etc. zu sehen sind, aber ich kann mich nur schwer konzentrieren, ständig kommt die Stimme Orlińskis dazwischen, die mich daran erinnert, dass ich das hier nun so schnell wie möglich hinter mich bringen und nach oben will.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_a77f00-d6 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_a77f00-d6">Für mein Ziel muss ich hoch hinaus</h2>



<p class="kt-adv-heading544_2d29bc-38 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_2d29bc-38">Ich nicke abwesend, während die nette Dame mir die Frühstückszeiten nennt. „So, haben Sie noch Fragen?“ Oh, sie meint mich, los konzentrier dich, jetzt ist absolut nicht der richtige Moment, um sich noch mehr zu blamieren. „Nein, ich denke, ich habe alle nötigen Informationen, vielen Dank!“ „Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Ihr Zimmer liegt in der 19. Etage.“ Was!?! Habe ich das gerade richtig verstanden, wieso ist mein Zimmer so weit oben? Ich sehe sie verdutzt an und frage ungläubig: „Die 19. sagten Sie?“ „Ja, die Fahrstühle sind gleich hier um die Ecke.“ „Dankeschön“, ich nehme die Schlüsselkarte, während ich spüre, dass meine peinliche Gesichtsfarbe sich nochmals intensiviert. 19. Etage, gerade befinde ich mich auf der 8., das sind 11 Stockwerke. Wie um alles in der Welt soll ich bei meinem Erschöpfungsgrad 11 Stockwerke nach oben gehen?! Ich habe schon seit Längerem das Gefühl, mich kaum noch auf den Beinen halten zu können, ich bin seit beinahe 32,5 Stunden wach und habe seit 31 Stunden nichts gegessen. Die zittrigen Glieder sind nicht mehr nur der Angsterkrankung geschuldet. In meinem Kopf springen die Gedanken hin und her, ich versuche fieberhaft abzuwägen, was die einfachere Variante wäre, eine Liftfahrt über 11 Stockwerke auszuhalten, oder mich Etage für Etage zu Fuss hochzukämpfen. Ich bin auf dem absoluten Nullpunkt, eher hoffnungslos schaue ich mich flüchtig nach dem Treppenhaus um, auch hier kann ich es nicht entdecken. Damit hat sich die Frage wohl erübrigt, ich habe keine Energie mehr, mich mit der Suche noch länger aufzuhalten. Vor mir sehe ich drei kleine Fahrstühle. So ein verdammter Mist! Schlimm genug, dass ich heute zum wiederholten Mal in einen Lift einsteigen soll, aber auch noch dieses Format? Super, so geräumig wie eine Sardinenbüchse. Hilflos stehe ich vor diesem gefühlt unüberwindbaren Hindernis. Mein Blick verschwimmt, schnell kneife ich die Augen zu, um die Tränen zu verdrängen, mir ist übel und schwindlig, meine Wangen glühen, mehrere Schweisstropfen gleiten meinen Rücken herab, mein Puls verdoppelt sein Tempo. Der nicht sonderlich sympathische Kellner beobachtet mich wieder. Ich drücke den Knopf, sofort öffnet sich die Tür des Fahrstuhls ganz rechts. Meine Atmung setzt aus, wie in Trance steige ich in den Stahlkasten, die Tastenanzeige blinkt rot, ich halte meine Karte ran und rücke die 19, während ich vorsichtig noch einen Schritt weiter hineingehe und mich mit dem Gesicht zum Ausgang drehe. Boom, die Tür schliesst, der Lift setzt sich in Bewegung. Ich drücke mich an die Seitenwand, meine Hände zu Fäusten geballt, halte ich den Atem an, mein Herz schlägt hart gegen meine Brust. Ich schliesse die Augen, in der Hoffnung so zu vergessen, wo ich bin, und flüstere mir zu: „Das geht ganz schnell, gleich hast du’s überstanden, halte durch, ein- und ausatmen, ein, aus.“…</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_de361e-fa wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_de361e-fa">Es geht steil bergab</h2>



<p class="kt-adv-heading544_187fed-dd wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_187fed-dd">Ein leichter Ruck: Oh gut, das ging wirklich schneller als erwartet. Der Fahrstuhl steht, die Tür öffnet sich, ich möchte sofort raus, aber da steht eine blonde Dame im Bademantel im Weg. Erschrocken stolpere ich ein paar Schritte zurück. Verdutzt werfe ich einen kurzen Blick auf die Stockwerkanzeige, als die Dame ein „Hallo“ säuselt. Mit wackelndem Po schiebt sie sich glucksend vor mich in den Lift. Oh nein, nein bitte nicht, hier ist KEIN Platz für noch eine Person!!! Kichernd, die Hüften kreisend, fragt sie mit einem starken Deutschweizer Akzent: „Wo ist der Wellnessbereich? Auf 7?“ Wellnessbereich?!!! Ach ja, das erklärt ihr Outfit. Aber das ist die falsche Richtung! Schnell sage ich ihr in unserer Muttersprache, dass sie sich geirrt hat. Das Sprechen fällt mir schwer, weil ich nun in Panik bin: „Der Lift fährt nach oben, Sie müssen einen anderen nehmen.“ Freudig erregt sucht ihr rechter Zeigfinger die entsprechende Taste, während sie mir gackernd in Züridütsch entgegnet: „Nein nein, das ist schon richtig, der geht runter.“ Die Wellnesslady scheint sich schon ein Gläschen Sekt gegönnt zu haben. Ihr Gekicher und das seltsame Wackeln und Hüpfen treiben mich ihn den Wahnsinn und lassen den Aufzug noch kleiner und enger wirken. Ich flüchte ganz nach hinten, presse mich gegen die Rückwand, mein Rücken ist nun klatschnass, mein Gesicht brennt wie Feuer, alles dreht sich, ich habe das Gefühl mich übergeben zu müssen, mein Brustkorb wird von einem imaginären Eisenkorsett zusammengequetscht, ich schnappe vergeblich nach Luft. Für einen Moment fühlt es sich an, als würde ich ohnmächtig. Bitte nicht, bitte nicht nach unten, das kann nicht sein. „Oder doch 6?“, lachend wirft sie ihre blonden Haare von einer Seite zur anderen. Du darfst jetzt nicht durchdrehen. Ich versuche, mit aller Kraft zu verhindern, dass ich gleich weinend und zittern zusammenbreche. Meine Hände krallen sich an der Seitenwand fest. „Der müsste zur 19. Etage fahren, dort ist mein Zimmer“, stottere ich keuchend, doch Miss Happy ignoriert mich, sie hat wahrscheinlich nur noch Pool und Massage im Sinn. Boom! Die Tür des Fahrstuhls schliesst sich mit einem unnatürlich lauten Knall in meinem Kopf. Nicht nach unten, ich flehe dich an, nicht nach unten. Der Lift setzt sich in Bewegung: Abwärts! Ich verliere den Boden unter meinen Füssen, die Decke und die Wände bewegen sich bedrohlich auf mich zu. Verzweifelt versuche ich, mich in der hinteren rechten Ecke des Aufzugs auf den Beinen zu halten. Ich habe einen Krampf im rechten Arm. Ich bräuchte jetzt ganz dringend Musik, doch meine Kopfhörer sind im Rucksack, dort komme ich nicht ran, denn wenn ich mich nicht mehr gegen die Rückwand presse, falle ich. „Hi, hi, hi“, meine Mitfahrerin kichert voller Vorfreude.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_7288cc-22 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_7288cc-22">Die Fahrgemeinschaft erhält Zuwachs</h2>



<p class="kt-adv-heading544_738b41-64 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_738b41-64">Ein erneuter Ruck, der Lift hält, die Tür geht auf und ein Blick auf die Stockwerkanzeige verrät mir, wir sind wieder auf der 8. Etage. Ich muss hier schnell raus, bevor ich mit der Wellnesslady noch weiter nach unten fahre. „Entschuldigung, darf ich hier bitte aussteigen, ich muss doch nach oben.“ Ich möchte mich gerade vorsichtig an ihr vorbei nach draussen schieben, als Jakub Józef Orliński vor dem Fahrstuhl erscheint. Erschrocken weiche ich zurück, mit einem Satz bin ich wieder hinten an der Rückwand und drücke mein schmerzendes Kreuz dagegen, während ich panisch den lächelnden Countertenor fixiere. Mein Herz hämmert gewaltsam gegen meine Brust bis unters Kinn. Irgendeine grausame Macht hat mich scheinbar in einen Fellinifilm katapultiert, das kann doch nur ein abscheulicher Scherz sein. Ich versuche zu lächeln, so sieht man hoffentlich meine Panik nicht gleich auf den ersten Blick. Wenn Orfeo hier auch noch einsteigt, falle ich auf der Stelle tot um und mir sind die Götter nicht so zugetan Euridice, da hilft es nichts, wenn er mit in die Unterwelt fährt. Mein ganzer Oberkörper zittert, ich muss hier raus! Meine Landsmännin macht nun mit ihren Bewegungen einer professionellen Hulatänzerin Konkurrenz und kichert wie ein schwerverliebter Teenie. Orliński dreht den Kopf nach links, ihm wird etwas zugerufen, sein Blick geht nach oben zur Anzeige und er verschwindet wieder von der Bildfläche. Seine Begleitung hat ihn wohl darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Lift nicht nach oben fährt. Jetzt habe ich wieder eine Chance raus zu kommen: „Entschuldigung, ich sollte hier aussteigen.“ Die aufgedrehte Dame hört mich nicht, sie flirtet mit den wartenden Herren: „Hi, hi, ja der fährt runter.“ Sie füllt mit ihrem Gewackel den ganzen Türbereich aus, ich komme nicht an ihr vorbei, ohne sie zur Seite zu schieben, was ich mich nicht traue. „Entschuldigung, darf ich bitte aussteigen?“. Da schliesst sich die Lifttür, wir setzen uns wieder in Bewegung. Bei mir macht sich blankes Entsetzen breit, in tiefer Verzweiflung schleppe ich mich in meine Ecke zurück, ein paar Tränen kullern über meine glühend heissen Wangen. Diese verdammten Ängste! Warum habe ich mich nicht einfach an der Wellnesslady vorbei nach draussen geschoben? Sie ist in ihrem Bademantel gut gepolstert und so überdreht, das hätte sie bestimmt nicht gestört. Ich könnte jetzt in einem Aufzug nach oben sein, warum läuft das so schief? Da fällt mir schlagartig ein: Wenn ich ausgestiegen wäre, dann würde ich jetzt gleichzeitig mit Jakub Józef Orliński auf den passenden Fahrstuhl warten. Laut Hersteller passen hier mehr als 2 Personen rein, das heisst, … Oh nein, bloss nicht dran denken. Ist die Talfahrt mit der Spa-Touristin eventuell doch die weniger beängstigende Variante? Mir fehlt die Kraft, diesem Gedankenspiel weiter zu folgen und jetzt ist es eh zu spät. Meine Beine sind wie Gummi, ich kann mich kaum noch aufrecht halten. Mir kommt es vor, als würde ich schon Stunden in diesem Stahlsarg gefangen sein. In meinem Kopf dröhnt ein ohrenbetäubendes Rauschen, gleichzeitig spielt meine innere Jukebox verrückt, eine Kakophonie aus Trauerliedern, ich kann meinen ultimativen Schutzmechanismus nicht mehr unterdrücken, ich spüre, wie Geist und Körper sich voneinander lösen.<br>Ein Ruckeln und ein grelles Lachen holen mich aus der Dissoziation. Benommen schaue ich zur Anzeige, das ist die reinste Höllenfahrt, wir sind gerade mal ein Stockwerk weiter unten. Der Fahrstuhl öffnet sich und ich sehe eine scheinbar schlecht gelaunte Hotelangestellte mit Handtüchern bewaffnet. Miss Happy lässt sich davon nicht beirren. „Hallo“ flötet sie, „ist das das Spa?“ „Nein, eins weiter unten“ antwortet die andere knapp und schiebt sie in meine Richtung, um auch einsteigen zu können. Sie wirft mir, dem gequälten Häufchen Elend in der Ecke, einen strengen Blick zu. Ich versuche sie mit einem verzerrten Lächeln zu besänftigen. Die Hotelangestellte ist damit nicht zufrieden, sie beäugt mich wie eine Schwerverbrecherin. Nach gefühlt 1000 Kurzschlüssen in meinem Gehirn, kommt mir eine mögliche Erklärung für ihr Verhalten. Wir sind auf dem Weg zum Wellnessbereich – falls wir dort jemals ankommen – und dafür bin ich mit Sneakern, Jeans, Jeansjacke, Hoodie und Rucksack nicht angemessen ausgestattet. „Es ist etwas schief gegangen, ich muss eigentlich nach oben, aber plötzlich fuhr der Lift wieder nach unten“ versuche ich meine Anwesenheit in diesem Bereich zu rechtfertigen, was mit einem Kichern meiner Landsmännin kommentiert wird. Ein erneuter Ruck verrät uns, dass wir den nächsten Halt erreicht haben. Die Wellnesslady quietscht begeistert, wir haben ihr Ziel erreicht. Mit wackelndem Po hüpft sie raus, hebt die rechte Hand und trällert „Adieu!“, die Hotelangestellte folgt ihr. „Adieu“, keuche ich und schnappe nach Luft.</p>



<h2 class="kt-adv-heading544_48d8d5-65 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_48d8d5-65">Fahrt in den goldenen Herbst</h2>



<p class="kt-adv-heading544_c66bf0-e7 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_c66bf0-e7">Meine Mitfahrerinnen bin ich los, doch als ich nach vorne möchte, um erneut die 19 zu drücken, setzt sich der Aufzug wieder in Bewegung, natürlich abwärts. Mein inneres Schreien und Weinen könnte dieses Gebäude zum Einsturz bringen, ich bin auf immer und ewig in diesem Alptraum gefangen. Federico, es ist Zeit für einen Cut!!! Verzweifelt drücke ich die Taste mit der 19, verbunden mit einem leisen Flehen: „Bitte tu mir das nicht an.“ Der Lift kommt erneut zum Stehen, vor der Tür taucht eine überraschte Dame in Hoteluniform auf. Ich stolpere möglichst rasch nach hinten. „Oh, hallo“, begrüsst sie mich freundlich lächelnd und steigt ein. Ich gebe mir Mühe ebenfalls freundlich zurückzulächeln, um mir meine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen – falls das überhaupt möglich ist – und erkläre meine Anwesenheit in den Katakomben des Hotels: „Irgendetwas hat nicht geklappt, als ich eingestiegen bin, und jetzt mache ich eine kleine Hotelrundfahrt. Ich möchte eigentlich in die 19. Etage.“ Schnell nochmal ein zerknirschtes Lächeln hinterher, Humor soll ja ab und zu helfen, peinliche Situationen aufzulockern. „Warum nicht“, meint sie, „das hat auch was für sich.“ Sie zwinkert mir zu. Puh, Glück gehabt, diese Dame ist wenigstens nicht böse, dass ich in einem Bereich gelandet bin, in dem ich nichts verloren habe. Es geht endlich aufwärts. „Gerade angekommen?“ Ich zucke mit den Schultern: „Ist wohl nicht zu übersehen?“ Die Hotelangestellte lacht: „Sie haben Glück mit dem Wetter, wir kriegen einen goldenen Herbst, für die nächsten Tage ist viel Sonnenschein angekündigt.“ „Perfekt!“ Kauft sie mir die gespielte Lässigkeit ab? Ein Ruck, wir stehen wieder und als sich die Türe öffnet, erkenne ich sofort die Rezeptionsetage. Sie wünscht mir einen schönen Aufenthalt und geht Richtung Bar.<br>Hektisch hole ich meine Schlüsselkarte aus der Jackentasche, presse sie gegen die Anzeige und drücke mehrere Male nervös auf die 19. Gleichzeitig schiele ich nach draussen, ob da evtl. jemand steht, der schon wieder zusteigen könnte. Jakub Józef Orliński ist hoffentlich schon längst in seinem Zimmer angekommen. Gut, niemand zu sehen. Die Tür schliesst sich und mit geschlossenen Augen flehe ich mein eisernes Gefängnis an, mich endlich, endlich zu meiner Etage zu befördern. Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung, aufwärts. Meine Erleichterung ist überwältigend, jetzt bitte nur keine Zwischenstopps, bitte, bitte, bitte! Ich stütze mich an der Seitenwand ab, mein Drehschwindel macht sich deutlich bemerkbar. Der Lift fährt leise surrend, unaufhörlich nach oben. Gebannt sehe ich auf die Stockwerkanzeige, 13, 14, 15, ich kann vor lauter Nervosität kaum atmen. Gleich bin ich da, nur noch 2, 1, ja, danke!!! „Komm schon!“ Ungeduldig warte ich, dass die Tür aufgeht. </p>


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<figure class="alignright size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht-1024x768.jpg" alt="Zimmer in Elbphilharmonie mit Aussicht über HafenCity" class="wp-image-530" style="width:277px;height:auto" srcset="https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht-1024x768.jpg 1024w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht-300x225.jpg 300w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht-768x576.jpg 768w, https://hochbegabtmithandicap.ch/wp-content/uploads/2023/10/Bett-mit-Aussicht.jpg 1200w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>
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<p class="kt-adv-heading544_20ec12-00 wp-block-kadence-advancedheading" data-kb-block="kb-adv-heading544_20ec12-00">Es kommt mir so vor, als öffnete sie sich in Zeitlupe. Als der Spalt breit genug ist, dass ich durch passe, hechte ich nach draussen. Vollkommen erschöpft gleite ich, angelehnt an der Flurwand, auf den Boden. Mein ganzer Körper schüttelt sich, ich kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich höre Stimmen, eine Tür fällt ins Schloss. Todmüde richte ich mich auf, suche schnell nach der Richtung meines Zimmers und laufe los. So darf mich niemand sehen und ich kann auch keine weiteren fremden Personen ertragen. Da, auf der rechten Seite ist es, ich halte die Schlüsselkarte ans Schloss, grünes Licht, ich öffne die Tür, ja, da steht mein Koffer, das ist mein Zimmer, endlich! Was für ein Kampf, ein wahrer Kraftakt. Langsam gehe ich weiter ins Zimmer hinein, erst jetzt sehe ich zur grossen Fensterfront, der Ausblick ist, selbst durch den Sonnenschutz, beeindruckend.</p>



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